Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Man wird seltsam

Vorarlberg / 17.01.2022 • 22:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Es war in den ersten März-Tagen 2020, als mir die Sorge wegen dieses unbekannten Virus zum ersten Mal begegnet ist. Auf einer großen Abendveranstaltung begrüßte mich ein Freund sicherheitshalber distanziert mit dem Vulkanier-Gruß (so hat Mr. Spock immer gegrüßt: die Hand erhoben und die Finger nur zwischen Ring- und Mittelfinger so gespreizt, dass ein „V“ entsteht). Ich hielt diese Zurückhaltung damals für leicht übertrieben, kurze Zeit später ging Österreich in den ersten Lockdown. Es war bis heute die letzte derart große Veranstaltung in einem geschlossenen Raum, die ich privat besucht habe.

Fast zwei Jahre später ringt Österreich mit der Omikron-Variante des Coronavirus. Gerade jetzt brauchen wir die Hoffnung, die uns nun Christian Drosten vermittelt, Virologe an der Charité Berlin und laut der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Sciene“ einer der weltweit führenden Experten für Coronaviren. Im „Tagesspiegel“-Interview antwortet Drosten auf die entscheidende Frage, ob wir jemals wieder so leben werden wie vor der Pandemie, Folgendes: „Ja, absolut. Da bin ich mir komplett sicher. Ich glaube aber, ein paar Sachen werden bleiben. Wir werden noch ein paar Jahre lang Masken in bestimmten Situationen tragen müssen. Das wird weiter nerven. Das wird aber auch immer weniger werden.“

Biedermeier & Distanz

Ein Lichtblick in seltsamen Zeiten – und zugegebenermaßen wird man in der Pandemie schon etwas seltsam. Sich immer zurückzunehmen, vorsichtig zu sein, lieber für sich zu halten, um sich selbst und andere nicht zu gefährden, sorgt natürlich für Distanz zur Welt und zu den anderen. Gesellschaftliche Entwicklungen der vergangenen Jahre, wie der Rückzug ins Private, werden durch das Coronavirus weiter verstärkt.

Man liegt also abends vorzugsweise daheim auf dem Sofa und freut sich schon Wochen zuvor auf die Fortsetzung einer Lieblingsserie, deren Start auf der Streaming-Plattform man sich extra im Kalender notiert hat. Schlimmer wird das neue Biedermeier nicht mehr.

Man vermeidet Körperkontakt, wo möglich. Keine Umarmungen, keine Küsschen, außer im engsten Kreis. Auch wenn die Pause von jener BussiBussi-Kultur, die in Wien besonders ausgeprägt ist, etwas für sich hat.

Man erschrickt manchmal direkt, wenn jemand plötzlich um die Ecke biegt oder wenn einem anderen Menschen in einem engen Raum ungewollt nahe kommen.

Nähe und Austausch gehören zum Menschsein dazu. Wenn wir die Pandemie besser im Griff haben und das Leben leichter wird, werden wir wieder lernen müssen, diese seltsamen Verhaltensweisen abzulegen. Bis dahin können auch der Vulkanier-Gruß von Mr. Spock und seine Worte dazu eine schöne Geste sein: „Live long and prosper – Lebe lang und in Frieden.“

„Sich immer zurückzunehmen, vorsichtig zu sein, sorgt natürlich für Distanz zur Welt und zu den anderen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.