Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Was geschieht in der Nacht

Vorarlberg / 18.01.2022 • 19:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Was war in der Nacht geschehen?

Ich wünschte, ich wüsste das alles nicht, dachte sich der Mann. Es war noch früh am Morgen, gerade ein zarter Schimmer fiel durch die Vorhänge. Die Mullabfuhr leerte Kübel aus. Es klang wie Fasching. Er sah seine Frau neben sich liegen. Sie quälte sich in der Nacht mit Lockenwicklern, hatte eine Maske über den Augen, und ihr Gesicht glänzte von Nachtcreme. An den Händen trug sie Handschuhe, an den Füßen Socken, darunter Creme. So ging das seit Jahren. Obwohl seine Frau neben ihm schlief, wollte er sie nicht angreifen. Wie war das gewesen, als sie beide noch jung waren und sich jung fühlten? Sie waren dicht aneinander gelegen und hatten sich geliebt.

Der Mann sah seine Frau im Morgenlicht und wurde ärgerlich. „Wieso machst du das?“, hatte er sie gefragt, als das mit den Schönheitskuren angefangen hatte. Sie mache das nur für ihn, antwortete sie. Das glaubte er nicht, und das stimmte auch nicht.

Gewiss, man muss das verstehen, die Frau wurde jedes Jahr ein wenig älter, wie es der Natur entspricht, nur, sie konnte ihre kleinen Fältchen und Falten nicht akzeptieren, sie wollte dagegen ankämpfen. Sie lebte auf ihrem eigenen Stern, und der Mann, soll man es ihm verdenken, sehnte sich nach Zärtlichkeit.

Es nützte nichts, wenn er ihr versicherte, er liebe sie genauso, wie sie sei, er selber sei ja genauso alt. Er war kein Fremdgeher, war an sich zufrieden mit seiner Frau, aber wie sich das alles entwickelt hatte, wollte ihm nicht gefallen.

Das war eine Krise, und er wollte ihr getrennte Schlafzimmer vorschlagen. Platz war da. Sie könnte dann, wenn sie Lust hätte ihn in der Nacht besuchen, so wie sie war, wie sie gewesen war. Allein schlafen würde ihm nicht schwer fallen. Er würde allein nicht frieren und sich auch nicht fürchten. Er fragte sie, ob sie damit einverstanden wäre. Sie erschrak kurz. War das ihr Beziehungsende?

„Ich bin so an uns gewöhnt“, sagte die Frau. „Ich will mich auch ändern.“

Ihm gefiel sein neues Schlafzimmer, und auch seine Frau machte es sich in ihrem gemütlich. Sie besuchten sich gegenseitig nicht.

Der Mann dachte mit Sorge an seine Pensionierung. Er dachte an Frauen, die er kannte, und fragte sich, wie die so lebten mit ihren Partnern. An eine ganz bestimmte Frau dachte er beim Eischlafen und überlegte sich Strategien, wie er sie einladen könnte. Sie war geschieden, das könnte es ihm leicht machen, und einmal schon hatte sie zu ihm in der Tiefgarage gesagt, dass er ein sehr männlicher Typ sei, das gefalle ihr.

„Sie lebte auf ihrem eigenen Stern, und der Mann, soll man es ihm verdenken, sehnte sich nach Zärtlichkeit.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.