Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Die Waage steht Kopf

Vorarlberg / 19.01.2022 • 09:59 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Regelmäßig beglücken uns wie Wirtschaftsweisen mit Zahlen, die unsere Vorstellbarkeit übersteigen: 613 Milliarden Euro, eine Zahl mit neun Nullen dran, das ist der Wahnsinn!

Wer so viel Geld hat, betrachtet nie sehnsüchtig Armbanduhren, die er sich nie wird leisten können. Der kriegt auch keine weichen Knie, wenn so ein restaurierter Citroën DS aus den 1950er-Jahren vorbeischwebt. Ihre Fans nennen das Auto ehrfürchtig „die Göttin“, weil sich die deutsche Abkürzung „DS“ wie das französische Wort „Déesse“ (Göttin) ausspricht. Und weil der Wagen halt so schön ist.

Nein, wer so viel Geld besitzt, hat keine Träume mehr, jedenfalls keine materiellen. Und wessen Vermögen sich innerhalb von zwei Jahren Pandemie um diesen Betrag noch vermehrt hat, na, der erst recht nicht! Den zehn reichsten Menschen der Welt ist das widerfahren. Und jetzt versuchen sie womöglich vergeblich, sich ihre Kontostände vorzustellen. Die vielen Nullen, sie wissen schon…

160 Millionen Menschen weltweit plagen solche Sorgen nicht. Sie sitzen auf der anderen der beiden Waagschalen. Die Pandemie hat sie arm gemacht. Viele gingen wohl schon länger am Rande spazieren. Andere stürzten aus den Sternen ihrer bürgerlichen Existenz in Untiefen, aus denen überhaupt nur noch Träume kurze Ausflüchte erlauben. 160 Millionen Menschen, auch das kann sich niemand vorstellen. Regelmäßig lesen wir solche Zahlen. Und ein dumpfes Gefühl sagt uns, dass diese Pandemie eine dicke Spur der Ungerechtigkeit hinterlassen wird.

Thomas Matt

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