Afghanische Flüchtlinge: Mit dem Sackgeld ab in die Schweiz

Vorarlberg / 20.01.2022 • 09:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Afghanische Flüchtlinge: Mit dem Sackgeld ab in die Schweiz
Florian Schneider kennt die Probleme an der Grenze. Keystone, Kantonspolizei St. Gallen

So viele Migranten wie noch nie benutzen Vorarlberg als Schleuse.

Feldkirch, St. Gallen Frankreich und Großbritannien sind die Länder, von denen sich vor allem die afghanischen Flüchtlinge die besten Lebensbedingungen versprechen. Nachdem die Grenzen im Osten überwunden worden sind, führt ihre illegale Reise durch Österreich und die Schweiz.

Im Bezirk Baden in Niederösterreich erhalten die meisten Flüchtlinge einen aufrechten, allerdings auf das Gebiet beschränkten Asylstatus. Doch das ist nicht ihr Wunsch. Sie wollen in das Transitland Schweiz. Doch wie kommt man dorthin? „Indem sie sich mit dem Sackgeld, das sie von der zuständigen Behörde in Österreich erhalten, ein Zugticket in die Schweiz kaufen. Und dann geht es am besten mit dem Nightjet nach Zürich weiter“, erklärte Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen und mit der Materie bestens vertraut, den VN.

Vorläufige Endstationen

Wegen sporadischer Kontrollen der österreichischen Fremdenpolizei bedeutet der Bahnhof Feldkirch für manche von ihnen die vorläufige Endstation, für viele andere, die durch das Kontrollnetz in Vorarlberg geschlüpft sind, ist es der Bahnhof Buchs in der Schweiz. Doch eben nur vorläufig.

Denn wie in Vorarlberg können die aufgegriffenen Migranten auch in der Schweiz nur mit Verwaltungsstrafen geahndet werden. „Wir sind also nicht in der Lage, sie festzuhalten“, sagt Schneider. „Und das bedeutet, noch während der administrativen Verfahren im neu errichteten provisorischen Bearbeitungszentrum in Buchs machen sich viele von ihnen wieder aus dem Staub. In Vorarlberg etwa nehmen sie dann den nächsten Regionalzug und reisen wieder in die Schweiz ein“, ergänzt der Polizeisprecher der Kantonspolizei.

Migranten aus dem Maghreb

Das klingt nach einem Fass ohne Boden. Die auffallende Zunahme von illegal Einreisenden aus Österreich in die Schweiz erklärt Schneider zudem mit dem Umstand, dass auch Migranten aus dem Maghreb (Tunesien, Algerien, Marokko) dieses „Fenster“ entdeckt haben.

Ein unbürokratisches Rückführungsabkommen zwischen der Schweiz und Österreich sei zwar in Ausarbeitung, doch noch ohne konkretes Ergebnis. Dennoch spricht Schneider von einer sehr guten Zusammenarbeit zwischen der Schweizerischen Grenzbehörde, der Kantonspolizei und der Vorarlberger Landespolizeidirektion.

Steigende Aufgriffszahlen

Die Schweiz meldet derzeit eine steigende Zahl von Aufgriffen von Afghanen, die über Österreich ins Land kommen. Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit habe im vergangenen Jahr 18.859 Personen aufgegriffen, die sich rechtswidrig in der Schweiz aufgehalten haben, meldete die Schweizer Nachrichtenagentur sda am Dienstag. In den beiden Vorjahren waren es jeweils rund 13.000 bzw. 11.000 Personen.

Der starke Anstieg sei insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Zahl afghanischer Migranten zugenommen habe, die von Österreich her irregulär in die Schweiz eingereist seien, hieß es in einer Mitteilung des Schweizer Bundesamtes.

Die Statistik weist für den Dezember 2021 insgesamt 2617 Personen aus, die wegen rechtswidrigen Aufenthaltes aufgegriffen wurden. Bei 1044 von ihnen handelte es sich um Afghanen, die in die Ostschweiz reisten. Diese Entwicklung ist gemäß Mitteilung seit der ersten Juli-Hälfte zu beobachten.

Kein Zusammenhang mit Taliban

Diese Zunahme steht laut dem Schweizer Staatssekretariat für Migration in keinem direkten Zusammenhang mit der Machtübernahme der Taliban. Der Anstieg habe bereits mehrere Wochen davor eingesetzt. Die große Mehrheit der Migrantinnen und Migranten habe sich bereits längere Zeit in Europa, allenfalls in der Türkei, aufgehalten. Wegen des deutlichen Anstiegs der illegalen Einreisen aus Österreich hat die Kantonspolizei St. Gallen Anfang Jahr in Buchs ein Bearbeitungszentrum eröffnet, indem in weniger als 24 Stunden die administrativen Verfahren der ankommenden Migranten erledigt werden können. Die illegalen Einreisen hätten nicht abgenommen, sagte Florian Schneider, Sprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Bereits in den ersten beiden Wochen seien in Buchs 428 Fälle bearbeitet worden.