Psychiater Haller zu Missbrauchsvorwürfen in der Kirche: “Opferinteressen in den Vordergrund stellen”

Vorarlberg / 20.01.2022 • 19:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Psychiater Haller zu Missbrauchsvorwürfen in der Kirche: "Opferinteressen in den Vordergrund stellen"
Haller ist Mitglied der Klasnic-Kommission.  VN/Steurer

Transparenz statt Tabuisierung, fordert Reinhard Haller.

Schwarzach Als Anfang 2010 Missbrauchsfälle im Bereich der katholischen Kirche bekannt geworden waren, rief die Österreichische Bischofskonferenz die Unabhängige Opferschutzanwaltschaft ins Leben. Opfer haben die Möglichkeit, Entschädigungszahlungen und Geld für therapeutische Hilfe von kirchlicher Seite zu fordern.

Die frühere steirische Landeshauptfrau Waltraud Klasnic wurde Opferschutzanwältin und stellte eine ehrenamtliche Kommission zusammen, der auch Psychiater und Russ-Preis-Träger Reinhard Haller angehört. Knapp 2500 Missbrauchsfälle wurden von der Kommission aufgearbeitet und den Betroffenen insgesamt 30 Millionen Euro zugesprochen. 

Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für die Opfer?

Haller Die Folgen hängen von der Art der Missbrauchshandlungen, deren Dauer und deren Häufigkeit sowie dem Alter der Opfer ab. Betroffene leiden häufig unter Selbstwertzweifeln, sexuellen Problemen und Angsterkrankungen. In vielen Fällen greifen Opfer auch zu Suchtmitteln, um sich selbst zu “behandeln”. In einem Teil der Fälle werden die Opfer später selbst zu Tätern. 20 Prozent der Täter waren selbst einmal Opfer.

Welche Tätertypen gibt es?

Haller Es sind nicht alle Missbrauchsfälle pauschal der Kirche zuzuweisen. Die Kirche als Institution hat sich immer klar gegen Pädophilie positioniert, aber viele Mitglieder haben sich nicht daran gehalten. Es gibt Berechnungen, dass nur drei Promille aller Missbrauchshandlungen auf die Kirche zurückzuführen sind. Man darf bei der Diskussion die anderen 99,7 Prozent nicht vergessen. Bei weitem nicht alle Priester und Ordensleute sind potenzielle Täter. Innerhalb der Täterschaft sind es häufig neurotische und sexuell unreife Menschen. 

Was könnte präventiv getan werden?

Haller Wichtig sind Enttabuisierung und Transparenz. Der Bereich Sexualität sollte mehr in der Auswahl sowie in der Aus- und Weiterbildung der Priester berücksichtigt werden. Überhaupt stellt sich die Frage, wie in der Kirche mit dem Thema Sexualität, das ein wichtiger menschlicher Bereich ist, umgegangen wird. Der Zölibat könnte zum Beispiel freiwillig gewählt werden, auch die Rolle der Frauen in der Kirche könnte neu diskutiert werden.

Wie kann den Opfern geholfen werden?

Haller In erster Linie durch Therapiemaßnahmen und zweitens durch finanzielle Entschädigungen als Form der versuchten Wiedergutmachung. Ganz wichtig ist es, die Opfer ernst zu nehmen und ihre Interessen in den Vordergrund zu stellen. VN-MIH