Warum die Gemeinsame Schule plötzlich wieder Thema ist

Vorarlberg / 20.01.2022 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Warum die Gemeinsame Schule plötzlich wieder Thema ist
Begeisterung und Engagement gehört zu jeder Form von Schule. Der Wunsch nach einer Gemeinsamen Schule für 10-14-Jährige ist nie verschwunden. APA

“Kryptische” Äußerungen von Bildungsminister Martin Polaschek befeuern die Diskussion.

Bregenz, Wien Er kenne ihn zwar nicht persönlich, wisse aber um seine Offenheit für Neues.”Martin Polaschek ist kein klassischer ÖVPler. Es wäre schön, wenn man von ihm zum Thema Gemeinsame Schule neue Töne hören könnte.” So kommentiert der ehemalige grüne Bildungssprecher im Nationalrat, Harald Walser (68), die “kryptischen” Äußerungen des neuen Bildungsministers. Dieser hatte mit einer Meldung gegenüber der Tageszeitung “Presse” aufhorchen lassen. “Ich habe eine persönliche Meinung dazu, aber wenn ich diese als Minister sage, ist sie keine persönliche mehr”, meinte Polaschek (56, ÖVP).

Von den VN um eine Stellungnahme gebeten, vermied der neue Chef am Minoritenplatz eine klare Positionierung. “Die Diskussion um die Gesamtschule gibt es schon seit Jahrzehnten. Ich halte nicht viel davon, sie in ideologischer Härte zu führen. Wir sind mitten in einer Pandemie und müssen schauen, dass wir eine möglichst gute Schule für alle Kinder machen”, flüchtete er in Allgemeinplätze.

“Nichts hineininterpretieren”

Schullandesrätin Barbara Schöbi-Fink (61, ÖVP) will in die Äußerungen von Minister Polaschek “nichts hineininterpretieren. Es gilt zudem ja immer noch der Nationalratsbeschluss, der eine Schulmodellregion unter gewissen Voraussetzungen erlaubt.” Sie habe bisher mit Polaschek noch nicht gesprochen. “Das werde ich Anfang Februar tun. Da wird dann aber vor allem die dramatische Personalsituation im Bildungsbereich das große Thema sein.”

“Der Nationalratsbeschluss würde uns ja jetzt schon erlauben, eine Schulmodellregion einzurichten.

Barbara Schöbi-Fink, Schullandesrätin

Vorbild Schule am See

Für Eva Hammerer (46, Grüne) wäre es an der Zeit, das Thema “Gemeinsame Schule” wieder anzugehen. “Gerade jetzt erleben wir wieder die Zeit der Übertritte von Volksschulen in Schulen im Sekundarbereich. Und wir erleben Unruhe, Anspannung, Druck und Nervosität. Das hätten wir bei einer Gemeinsamen Schule alles nicht.” Hammerer erwähnt die Schule am See in Hard als bestes Beispiel dafür, wie Schule mit harmonischen Übergängen funktionieren könnte. Die Äußerungen Polascheks sieht sie “als Anlass zu Hoffnung”.

“Die Probleme mit dem Übergang von der Volksschule in die Sekundarstufe hätten wir bei der Gemeinsamen Schule nicht.”

Eva Hammerer, Bildungssprecherin Grüne

Zeitfenster und Kehrtwende

Für Neos-Landessprecherin Sabine Scheffknecht (43) tut sich jetzt ein Zeitfenster zur Diskussion über die Gesamtschule auf. “Wir würden diese befürworten, sehen sie allerdings nur als einen Teil im Rahmen eines Gesamtkonzeptes für eine grundlegende Reform.” Die Neos haben einen Antrag im Landtag eingebracht, in dem sie ein klares Zielbild für das Bildungswesen verlangen.

“Wir sind für die Gemeinsame Schule. Aber sie könnte nur Teil eines Gesamtkonzeptes sein.”

Sabine Scheffknecht, Bildungssprecherin Neos

Ganz klar für die den Erhalt eines differenzierten Schulsystems mit unterschiedlichen Schultypen spricht sich FPÖ-Bildungssprecherin Andrea Kerbleder (45) aus. Auch sie sieht die Personalsituation an den Schulen derzeit jedoch als vorrangige Agenda.

Ich trete ganz klar für den Erhalt eines differenzierten Schulsystems mit unterschiedlichen Schultypen ein.”

Andrea Kerbleder, Bildungssprecherin FPÖ

Bei der FPÖ hat sich seit dem Rücktritt der früheren Bildungssprecherin Silvia Benzer (62) im Jahre 2014 eine komplette Kehrtwende vollzogen. Die frühere Volksschuldirektorin hatte keine Gelegenheit ausgelassen, flammende Plädoyers für die Gemeinsame Schule abzugeben.