In Ängsten und doch frei

Vorarlberg / 21.01.2022 • 16:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Als im Jahr 1525 in Breslau die Pest ausbrach, schrieb der dortige Pfarrer Johann Hess einen Brief nach Wittenberg an seinen Kollegen und Freund Martin Luther und bat ihn um Rat, wie er sich verhalten solle, ob er – wie viele andere – die Stadt vor der grassierenden Krankheit verlassen oder aber bleiben solle. Luther ließ sich Zeit bei der Beantwortung seiner Frage und entschuldigte sich später dafür. Er sei krank gewesen und habe gedacht, die Breslauer kämen schon selbst zurecht. Zwei Jahre später – die Seuche hatte auch Wittenberg erreicht – richtete Luther ein längeres Schreiben an Hess und ließ seine Antwort auch im Druck erscheinen, da sie womöglich auch anderen zugutekommen und von Nutzen sein könnte.

Während viele Menschen aus Wittenberg flohen und die Universität den Lehrbetrieb einstellte, hatten bessergestellte Bürger über ein Rohrsystem einen eigenen Wasseranschluss, und mussten nicht, wie die einfachen Leute aus Stadtbächen zweifelhafter Sauberkeit ihr Wasser schöpfen.

Gefahr droht

Die Sterblichkeit war hoch. Man riet Luther dringend, sich keiner Gefahr

auszusetzen und die Stadt zu verlassen. Stattdessen entschied er sich zu bleiben, Gottesdienste zu halten und für Kranke und Sterbende zu sorgen. Er verwandelte sein Zuhause in ein provisorisches Krankenhaus. Er erlebte den Tod vieler Familienmitglieder und Freunde, sogar eines seiner Kinder. „Aus Gehorsam will ich nicht fliehen. Das sage ich nicht, als ob ich den Tod nicht fürchtete; denn ich bin nicht der Apostel Paulus, sondern nur sein Ausleger. Aber ich hoffe, Gott will mich aus aller meiner Furcht erretten.“

Später erinnerte er sich bei einer Tischrede an seine Erlebnisse: „Ich habe nun drei Pestilenzen ausgestanden; bin auch bei etlichen gewesen, die sie gehabt haben…, aber es hat mir nichts geschadet. Gottlob!“

In seiner Postille „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“, schreibt er, wie er sich in der brenzligen Lage verhalten möchte: „… ich will Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte und Personen meiden, wenn man mich nicht braucht, damit ich mich nicht selbst vernachlässige und durch mich vielleicht viele andere vergiftet und angesteckt werden und ihnen so durch meine Nachlässigkeit eine Ursache des Todes entsteht… Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht.“

Bleiben oder fliehen

Der Wittenberger Reformator schärft auch ein, dass man nur fliehen dürfe, wenn man keine „amtlichen“ Verpflichtungen gegenüber einer Gemeinde, Eltern, Kindern oder Nachbarn habe. Menschen, die einem anvertraut sind, dürfe man nicht sich selbst überlassen. Wer stark im Glauben sei, der bleibe auch angesichts der Pest, richte aber nicht über die, die aus Angst um ihr Leben die Flucht ergreifen. Er spricht sich für das richtige Maß zwischen Verharmlosung und übertriebener Ängstlichkeit aus.

Luther vergleicht die Pest mit einem Feuer, das nicht Holz und Stroh, sondern Leib und Seele frisst. Ihr solle man sich gemeinschaftlich entgegenstellen, wie bei einem Brand, den zu löschen jeder zu helfen habe. Angesichts der Seuche sind also Gebet, Herz und Verstand gleichermaßen gefordert. Fürwahr: Fürsorge mit Herz und Distanz aus Liebe, und nichts von alledem ohne Verstand!

Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.
Wolfgang Olschbaur, Schwarzach, evangelischer Pfarrer i. R.

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