Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Verschwörungstheorien

Vorarlberg / 23.01.2022 • 18:22 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

„Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind weder dumm, noch haben sie eine böse Absicht.“ Das sagte die Psychologin Ulrike Schiesser in der Ö1-Sendung „Gedanken“. Es seien nicht nur Neonazis unter den Impfgegnern, sondern „normale Menschen, die im Leben stehen, Familie und Freunde und auch Bildung haben“. Das hätte ich Frau Schiesser gern geglaubt, bis ich die Bilder der Demos von Wien bis Bregenz gesehen habe. Viele ohne Maske, null Abstand und vermutlich den Lockdown für Ungeimpfte ignorierend. Ungestraft. Bei einer Demo in Linz haben Impfgegner einen Kinderhort belagert, weil sie Kinder mit Masken hinter den Fensterscheiben entdeckt hatten. Die Folge: zahlreiche weinende und verängstigte Kinder. Dasselbe vor einer Schule in Voitsberg: Verängstigte Kinder, die von ihren Eltern (Impfgegner) instrumentalisiert werden. Feuerwerkskörper gegen Polizisten in der Steiermark. Die Regierung muss Schutzzonen rund um Spitäler und andere Einrichtungen wie Impf- und Teststraßen errichten, um das Personal vor Übergriffen und Beschimpfungen durch Impfgegner zu schützen. Normale Menschen? Bildung? Fällt nicht leicht, das so zu sehen.

Auf den Demos werden Schilder mit „Impfen macht frei“ mitgeführt. „Arbeit macht frei“ stand am Tor von Ausschwitz. In Niederösterreich schreiben Unbekannte Plakate mit „Kauft nicht bei Impffaschisten“, analog zum „Kauft nicht bei Juden“ der Nazis. Gegen Neonazis hilft nur eines: Strafen mit voller Härte. Aber was ist mit der wachsenden Zahl jener, die keine Nazis sind? An Verschwörungstheorien glauben und unbedarft mitmarschieren? Die ihr Wissen nur aus YouTube und Facebook beziehen und Scharlatanen mehr glauben als Experten? Die Gesichtsverlust riskieren und sozialen Selbstmord begehen, weil Freunde und Verwandte mit ihnen nichts mehr zu tun haben wollen und sich für sie schämen? „Es sind nicht nur vereinzelte Spinner“, sagt Ulrike Schiesser, „wir müssen uns überlegen, wie gehen wir als Gesellschaft damit um?“ Sie hat dazu ein Buch geschrieben („Fakt und Vorurteil – Kommunikation mit Esoterikern, Fanatikern und Verschwörungsgläubigen“, Verlag Springer). Sie beschreibt die Verschwörungstheoretiker als demokratiegefährdend. Gespräche seien angesichts deren Realitätsverlustes schwer möglich. Sie verabschieden sich von jedem Diskurs und meinen, dass alles, was in den Medien berichtet wird, gefälscht ist. Sie sehen sich als Retter und fördern Hass auf Personengruppen. Schiesser wörtlich: „Wir stehen vor einer neuen Welle eines hausgemachten Terrorismus. Die Verschwörungstheoretiker spielen autoritären und extremen Parteien in die Hände“. Wie wahr, wenn man sich die sich überschlagende Stimme eines Herbert Kickl oder der Vertreter der obskuren „Freien-Bürger-Partei“ bei den Demos in Bregenz anhört.

Sind Gespräche sinnlos? Nein, zumindest bei jenen, die gerade in die krausen Theorien hineinschlittern, sagt Ulrike Schiesser. Sie rät Angehörigen, Position zu beziehen, die Quellen dieser Impfgegner in Frage zu stellen und die Verschwörungsgläubigen nicht auszugrenzen. Sie schlägt vor, Medienkompetenz zu vermitteln, damit man Pseudo-Wissen von echter Information unterscheiden kann. Medien sollten ihre Faktenchecks ausbauen und mehr Leute Qualitätszeitungen abonnieren, um auch Argumente bei der Hand zu haben. So besehen ist der neuen Initiative „Du+ich=Österreich“ viel Glück zu wünschen. Rotes Kreuz, Ärztekammer, Gesundheitskasse und ORF wollen zeigen, dass alle Seiten Platz haben, solange sich Debatte und Haltungen auf dem Boden der Verfassung bewegen. Neonazis und die sie politisch befeuern stehen leider nicht auf dem Boden der Verfassung. Besonders wichtig scheint mir aber der von Ärztekammer Szekeres ausgegebene Grundsatz: Wir dürfen nicht zulassen, dass wissenschaftliche Fakten und medizinischer Konsens negiert, verzerrt und so zur Spaltung der Gesellschaft missbraucht werden.

„Sie verabschieden sich von jedem Diskurs und meinen, dass alles, was in den Medien berichtet wird, gefälscht ist.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.