Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Die vergessene Krankheit

Vorarlberg / 31.01.2022 • 22:10 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein paar Stiegen steigen, eine Runde spazieren gehen oder am Computer arbeiten, all das funktioniert nicht mehr. Nach einer Anstrengung kann es immer wieder zu einer Verschlechterung des Zustandes kommen – so ergeht es Menschen, die an Long Covid leiden. Im Schatten der Covid-19-Ausnahmesituation und der schrecklichen Bilder aus den Intensivstationen, die irgendwann leider Bilder unseres Pandemie-Alltags geworden sind, kämpfen Long-Covid-Betroffene mit den Folgen der heimtückischen Krankheit. Einer in der Debatte meist vergessenen Krankheit, weil die Betroffenen in der Statistik als „genesen“ aufscheinen.

Diese Erkrankung mit ihren Erscheinungsformen – von körperlicher Erschöpfung bis hin zu kognitiven Problemen – ist schwer greifbar. Etwa nach zehn Prozent der Covid-19-Infektionen tritt Long Covid auf, es ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Zellschäden oder die physiologischen Folgen einer Infektion können zur Entwicklung beitragen, die genaue Ursache ist noch unklar. Statistisch sind Frauen jedenfalls häufiger betroffen als Männer. Der Wiener Neurologe und Long-Covid-Spezialist Michael Stingl berichtet im „Kurier“ aus seiner Praxis: Ein Teil der Erkrankten habe für mehrere Monate Probleme, „bei vielen wird es auch wieder besser werden“, bei manchen gar nicht mehr. Zu krank für das Arbeitsleben, zu jung für die Pension: Nicht nur ein menschliches Drama, sondern auch ein großes volkswirtschaftliches Problem.

Hoffnung für Kranke

Die Therapiemöglichkeiten für Long Covid sind begrenzt, Medikamente gibt es nicht. Studien zeigen nun, dass ein Teil der Kranken eine große Überschneidung der Symptome mit der Myalgischen Enzephalomyelitis/dem Chronischen Fatigue-Syndrom hat, das typischerweise nach Infektionserkrankungen auftreten kann. ME/CFS ist ebenfalls eine Krankheit, bei der Betroffene oft mit dem Unwissen und Unverständnis ihrer Umwelt kämpfen müssen. Chronisch krank ohne Aussicht auf zeitnahe Heilung.

Dennoch geht der Long-Covid-Experte Michael Stingl davon aus, dass man in den nächsten Jahren neue Therapien und Medikamente finden wird – weil jetzt eben sehr viel Geld in die internationale Forschung investiert würde. Kürzlich entdeckten zum Beispiel Zürcher Immunologinnen und Immunologen Signaturen im Blut von Covid-19-Patienten, die Long Covid frühzeitig vorhersagen könnten: Ein niedrigerer Spiegel von zwei bestimmten Klassen von Antikörpern korrelierte mit einem höheren Risiko für Long Covid. Es gibt also Hoffnung für chronisch kranke Menschen. Und bis diese in der Realität erfüllt werden kann, sollten wir alle nicht vergessen, dass sie auch existiert: die stille Pandemie.

„Zu krank für das Arbeitsleben, zu jung für die Pension: Auch ein großes volkswirtschaftliches Problem.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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