Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Wieso machst du das?

Vorarlberg / 01.02.2022 • 19:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine nicht mehr junge Frau wartete auf den Zug wie ich, kam zu mir und fragte, ob ich Feuer hätte.

„Ich rauche schon lang nicht mehr“, sagte ich.

„Was tust du dann?“, fragte sie.

„Ich schreibe.“

„Was schreibst du?“

„Alles, was mir so einfällt.“

„Auch Romane?“

„Das auch.“

„Muss ich dich kennen?“

„Niemand muss mich kennen.“

„Ich meine, ob du Geschichten suchst, die du aufschreiben kannst?“

„Wenn sie gut sind.“

„Ich hätte da eine, willst du sie hören?“

Sie setzte sich im Zug neben mich. Wir beide Maskenträger.

„Ich bin erst einmal geimpft“, sagte sie. „Hast du damit ein Problem?“

„Impf dich weiter“, sagte ich, „ein zweites und ein drittes Mal, dann bist du auf der guten Seite.“

„Ich weiß, wie ich auf die gute Seite komme.“

„Fang einfach mit deiner Geschichte an“, sagte ich.

„Es ist, als ob du Jesus küsst“, sagte sie.

Ich wunderte mich, hatte mir gedacht, Heroin nehmen nur die jungen Leute. Sie aber war einmal jung gewesen und hatte nie damit aufgehört. Das hätte ich nie gedacht. Sie sah nicht wie ein Junkie aus. Klar, sie war arbeitslos, aber arbeitslos sind viele Frauen in ihrem Alter. Sie habe noch nie gearbeitet, erzählte sie, sie sei immer halbwegs durchgekommen.

„Ich bin nicht verwöhnt, nicht vergnügungssüchtig, nicht kaufsüchtig, nur das halt …“ Sie schaute auf den Boden. Sie wohnte in einem Zimmer mit Kochnische und Dusche, war vollends zufrieden.

„Haben Sie denn nie versucht aufzuhören?“, fragte ich.

„Kannst mich ruhig duzen, so eine wie mich duzt man.“

Als junge Frau habe sie ihr Vater auf einen Zwangsentzug gebracht.

„Das funktioniert nie, wenn man gezwungen wird, außerdem ist es mir damals unheimlich schlecht gegangen.“

„Waren Sie immer allein?“, fragte ich – ich fand sie sah einsam aus in ihren abgewetzten Jeans und dem selbstgestrickten Pullover.

„Du hast schon wieder Sie gesagt? Was denkst du dir, wenn du mich so anschaust?“

„Dass du einsam aussiehst“, sagte ich, „als ob du niemand hättest.“

„Das siehst du falsch. Ich habe niemanden, weil ich niemanden brauche. Ich brauche keinen Mann und keine Kinder und keine Tiere. Ich hole mir regelmäßig mein Methadon in der Apotheke, das genügt mir. Esse gern Kartoffeln, einfach so gekocht, bestreue sie mit Salz. Wenn sie noch jung sind, lass ich die Schale dran und esse sie mit. Manchmal hol ich mir einen Leberkäs. Ich trinke keinen Alkohol. Die Leute im Block kennen mich, aber sie lassen mich in Ruhe. Das sind selber welche, die nicht gestört werden wollen.“

„Und das kleine Mädchen, mit dem ich Sie gesehen habe?“

„Die wollte nur einen Biss von meiner Leberkässemmel. Die kommt manchmal zu mir zum Fernsehen, wenn ihre Mama sie nervt.“

„Und hast du sie gern?“

„Ja, schon.“

„Ich wunderte mich, hatte mir gedacht, Heroin nehmen nur die jungen Leute.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.