Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Demos am Wendepunkt

Vorarlberg / 05.02.2022 • 05:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gegen das Impfpflichtgesetz zu demonstrieren, lohnt sich nüchtern betrachtet kaum noch. Es ist nämlich ein richtig österreichisches Gesetz. Europaweit vorgeprescht, verhältnismäßig unüberlegt. Und nun ein Ding, dessen Ankündigung nicht in der Lage war, irgendeinen Effekt auf die Impfquote zu haben. Ungeimpft arbeiten? Logisch! Ungeimpft ins Gasthaus? Klar, bitteschön! Eigentlich sollte, also ja, man muss sich sogar impfen lassen. Pflicht und so. Vorerst aber keine Auswirkungen.Vielleicht kostet es später mal 600 Euro. Ausnahmen ohne Ende. 

Konsequent ist anders. Es ist ein halb-halb-Gesetz.

Die Demos sind Alltag geworden und die Demonstranten distanzieren sich von Nazis, um dann vermeintlich aufdeckerische Videos und spektakuläre Lügen von Rechtsextremen zu teilen, denen sie auf den Leim gegangen sind. Gabi Sprickler-Falschlunger reichte es. “Meinen Großvater hat man ins KZ gebracht und ihr lauft mit solchen Leuten mit!” Nachdem die SPÖ-Vorsitzende und Ärztin im Vorjahr ihre roten Partei-Gockel domestiziert hat, knöpft sie sich nun die Impfgegner vor.

Längst konnte bei den Demos von jedem alles gesagt werden. Dass Österreich eine Diktatur sei, ein Regime. Plandemie. Diese Woche wollte der ehemalige Göfner FPÖ-Ortspolitiker Georg Palm die Landeshauptstadt täglich zum Erliegen bringen und damit die Öffentlichkeit erpressen. Er wähnt stets Zehntausende hinter sich. Was die streitbare Persönlichkeit geschafft hat – am Freitag sprach die Polizei von 200 Personen bei der Demo -, ist eine bemerkenswerte Abnutzung. 

Anfang der Woche sah man sich, trunken vor Selbstbewusstsein, mindestens auf Augenhöhe mit der Polizei. Sogar dem ORF war es zwei der insgesamt 18 montäglichen Sendeminuten von “Vorarlberg heute” wert, die Demo-Organisatoren darüber wehklagen zu lassen, dass sie sich schlecht gezählt fühlen. Motto: Wir sind mehr. Palm forderte, dass die “Zähler der Organisatoren und die Schätzer der Polizei” während der Demo nebeneinander stehen und gemeinsam Menschen zählen. 

Man muss wissen: Palm buhlt mit anderen Corona-Aktivisten, darunter ein Ex-Lehrer, der einen Brems-Konvoi durch das ganze Land veranstalten will und ein aus der FPÖ ausgeschlossener Rechter, wer mehr Menschen mobilisieren kann. Maximierung des Wirbels. Palm ist kein Ideologe. Möchte größtmöglichen Effekt erhaschen für seinen hauptberuflichen Einstieg: raus aus der ÖBB-Lehrlingswerkstätte, rein in die Politik. Dies ist die Zeit seines Lebens. Demos als politisches Vehikel. 

Doch dann kam der Dienstag. Und mit ihm jene Demonstrationsteilnehmerin, die sich ins Auto gesetzt hat, um auf drei Polizisten zuzufahren. Innert Minuten waren alle politischen Parteien (auch die FPÖ), alle vernünftigen Menschen auf Distanz zu den Demonstranten. Ein Wendepunkt.

Die Ereignisse haben dafür gesorgt, dass die Polizei endlich ihre Strategie geändert hat. Sie hat die Präsenz verstärkt und kontrolliert konsequent. Am Donnerstag wurden bei rund 300 Teilnehmern 240 Anzeigen ausgestellt. 

Verstärkt durch die Naturgewalt einer Gabriele Sprickler-Falschlunger. Sie diktierte den Maßnahmengegnern wütend in ihre Mobiltelefonkameras, dass sie mit F-A-S-C-H-I-S-T-E-N mitlaufen. Die Wutrede wurde zum wahren Ausdruck von Zivilcourage. Sprickler-Falschlunger hat sich mit dem beherzten Einsatz für einen fortwährenden Verbleib in der Landespolitik empfohlen. Sie ist keine Notlösung bis zur nächsten Wahl. Vorarlberg hat sie bitter nötig. Eine bessere finden die Roten nie!