Ein Gesetz, das unter die Haut geht

Vorarlberg / 07.02.2022 • 18:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Katharina Ulz, einzige Herstellerin von Tattoofarben in Österreich. Ulz
Katharina Ulz, einzige Herstellerin von Tattoofarben in Österreich. Ulz

Aufgrund der neuen EU-Verordnung, die Inhaltsstoffe von Farben verbietet, steht die Tattoo-Branche vor einer ungewissen Zukunft.

Schwarzach Innungsmeister, Farbherstellerin, Dienstleister. Sie alle fühlen sich im Stich gelassen. Die Übergangsfrist des Verbots von nur 2 Jahren und die fehlende Kommunikation der Politik sorgen für Unmut. Die Dornbirner Tätowierer Kristina und Mike Geringer ziehen einen einfachen Vergleich: „Zigaretten sind nachweislich gesundheitsschädlich – trotzdem werden sie verkauft. Weil große Steuereinnahmen dahinterstehen. Beim Tätowieren verdient der Staat nichts mit.“ Die neue Regelung habe große Auswirkungen auf das Tattoogeschäft. „Es sind keine Farben lieferbar. Wenn jemand ein farbiges Tattoo möchte, können wir es nicht machen. Dann weichen die Kunden zum Beispiel in die Schweiz aus, wo es die Verordnung nicht gibt“, erklärt Mike Geringer. „Das ist Ironie. Bisher gab es mit den Farben keine Probleme, seit Januar sollen sie giftig sein.“

Fehlende Alternativen

„In anderen Branchen ist für nachweislich gefährdende Stoffe eine Frist von fünf bis zehn Jahren vorgesehen“, zeigt sich Erich Mähnert, stellvertretender Innungsmeister der Tätowierer in Österreich, empört. „Studien über Krankheit durch eine Tätowierung gibt es nicht. Es wurden 25 Pigmente verboten, die für die Herstellung der Farben wichtig sind. Alternativen gibt es keine. Somit fallen nächstes Jahr 65 Prozent der Farbpalette weg“ klärt der Wiener auf. Er ist Mitbegründer der Petition „Save the pigment“, in der eine realisierbare Lösung gefordert wird. Knapp 178.000 Unterschriften wurden bereits gesammelt. „Wir haben bei einer Anwaltskanzlei in Brüssel ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Dieses besagt, dass die Verordnung rechtswidrig ist. Aber die EU-Kommission zeigt keine Reaktion.“

Ohnmacht und Hilflosigkeit in der Szene beobachtet auch Katharina Ulz, einzige Tattoofarben-Herstellerin in Österreich: „Wir wurden einfach überhört, unsere Bemühungen um Zusammenarbeit mit der EU-Kommission im Keim erstickt. Wir bekommen keine Antworten, werden von oben herab behandelt.“ Die Verordnung sei einfach durchgewunken worden. „Arbeitsplätze und Existenzen hängen an dieser Entscheidung. Die Tattoo-Branche ist in Brüssel scheinbar nur ein unangenehmes Nebengeräusch. Dass der Tätowierer auch Kinder zu Hause hat, die versorgt werden müssen, wird nicht bedacht.“ Die Steirerin produziert EU-konforme Farben. Ihr Sortiment ist klein, Erweiterung nur schwer möglich.

„Die wenigen Hersteller in Europa können sich die Erforschung neuer Farbstoffe nicht leisten. Die Großen sitzen in den USA. Sie sind an einer Finanzierung nicht interessiert, denn dort gilt das Verbot nicht.“ VN-HED, KAS

„Aufgrund des Verbots fallen nächstes Jahr 65 Prozent der Farbpalette weg.“

Kristina und Mike Geringer, Inhaber von „Herzblut Tattoo“ in Dornbirn, können derzeit nicht alle Kundenwünsche erfüllen.vn/Kaloczi
Kristina und Mike Geringer, Inhaber von „Herzblut Tattoo“ in Dornbirn, können derzeit nicht alle Kundenwünsche erfüllen.vn/Kaloczi