Ist das wirklich schon 50 Jahre her …?

Vorarlberg / 07.02.2022 • 16:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Zum 50-Jahr-Jubiläum ihres Erfolgs bei den Olympischen Spielen mit Corona-Schutzmaske. Vor der Kulisse ihrer imposanten Trophäensammlung erinnert sich Wiltrud Drexel im Gespräch mit der VN-Heimat an den 8. Februar 1972.
Zum 50-Jahr-Jubiläum ihres Erfolgs bei den Olympischen Spielen mit Corona-Schutzmaske. Vor der Kulisse ihrer imposanten Trophäensammlung erinnert sich Wiltrud Drexel im Gespräch mit der VN-Heimat an den 8. Februar 1972.

Wiltrud Drexel erinnert sich zum Jubiläum an den Gewinn der Bronzemedaille in Sapporo.

Warth „Ganz ehrlich – ich habe eigentlich gar keine Zeit, lieber ein andermal …“, war Wiltrud Drexel vom überraschenden Kurzbesuch der VN-Heimat alles andere als begeistert. Urlauberschichtwechsel – der anstrengendste Tag der Woche, viel Stress, da kommen unangemeldete Gäste in ihrer Pension total ungelegen. Dass sie sich dann doch Zeit für einen Plausch nahm, hatte einen triftigen Grund. Es ging darum, sich an einen der wichtigsten Tage in ihrer Karriere und ihrem Leben zu erinnern: Vor 50 Jahren, am 8. Februar 1972, gewann die Wartherin bei den Olympischen Spielen in Sapporo die Riesentorlauf-Bronzemedaille. Es war für sie persönlich und ihre Heimatgemeinde Warth viel mehr als eine Medaille.

Ein absolutes Highlight

Neun Winter war sie im Weltcup unterwegs, sehr erfolgreich, wie Trophäen und Urkunden in den Vitrinen im Frühstücksraum ihrer Pension unterstreichen. Fünf Weltcup-Abfahrten gewann sie in dieser Zeit, stand 27 Mal auf dem Podest und holte u. a. 1968/69 den Abfahrtsweltcup – damals gab es statt einer kleinen Kugel nur eine unscheinbare Medaille – sowie den dritten Gesamtrang.

Ihre Bronzemedaille in Sapporo ist trotz aller Erfolge im Weltcup, der WM-Bronzemedaille von 1974 in der Abfahrt von St. Moritz oder den vier ÖSV-Meistertiteln das Karrierehighlight. „Auch deshalb, weil ich damals im Riesentorlauf nicht zum Kreis der Medaillenanwärterinnen zählte“, erinnert sich „Filo“, wie sie von ihren Freunden und Fans genannt wird. „Die Ausgangslage war zudem denkbar schlecht – da war der Ausschluss von Karl Schranz und die nachfolgende Diskussion, dann meine Nicht-Nominierung für die Abfahrt …“ Zudem hatte eine Olympiamedaille vor 50 Jahren einen höheren Stellenwert als heute: damals wurden bei Damen und Herren jeweils nur neun Medaillen (je drei in Abfahrt, Slalom und Riesentorlauf) vergeben, heute werden allein im Teambewerb ebenfalls 18 Medaillen vergeben, hinzu kommen noch jeweils 15 Medaillen in den fünf Einzeldisziplinen.

Botschafterin für Warth

„Mit meiner Olympiamedaille“, schmunzelt sie amüsiert, „wurde auch Warth bekannter. Bis dahin musste ich in Interviews meist erklären, dass ich aus einem kleinen Bergdorf aus der Nähe von Lech komme. Weil ich im Dialekt redete, haben es die meisten Reporter nicht so recht verstanden.“ Nach Sapporo war dies anders, Warth war jetzt nicht nur bei Skisport-Insidern ein Begriff.

Dazu beigetragen haben ganz maßgeblich der Warther Bürgermeister Meinrad Hopfner und Skilift-Gesellschafter, die unter Federführung von Lothar Bösch einen großen Empfang für Wiltrud Drexel organisierten. Von Unterhochsteg über Bregenz – einschließlich Empfang beim Land – Lauterach, Dornbirn, Schwarzach und die Wälder Gemeinden entlang der B 200 bis Warth waren neben Vertretern der Landes- und Kommunalpolitik sowie der Skivereine Tausende Fans ausgerückt, um der erfolgreichen Olympionikin zu gratulieren.

Bei der WM 74 nachgedoppelt

Zwei Jahre nach dem Erfolg in Sapporo bekam Wiltrud Drexel ihre Chance in der WM-Abfahrt in St. Moritz und holte auch da die Bronzemedaille. Von der WM zog der Ski-Tross direkt in den Bregenzerwald weiter, wo die ÖSV-Meisterschaften zur WM-Revanche wurden. Tausende Zuschauer erlebten einen denkwürdigen Abfahrtslauf, den Wiltrud Drexel – praktisch vor ihrer Haustüre – mit zwei Hundertstelsekunden Vorsprung auf Weltmeisterin Annemarie Pröll gewann. Tage später legte sie in Au mit dem ÖSV-Slalomtitel noch ein Schäufelchen nach. Filo hatte ihre Heimatgemeinde Warth endgültig als Marke unter den Tourismusorten positioniert.

Nahtloser Übergang

Die Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck leiteten das Ende ihrer Rennlaufkarriere ein – sie konnte sich nicht für die Teilnahme qualifizieren. Ihre Nichtnominierung quittierte sie auf ihre Weise – kurz nach den Spielen holte sie ihren dritten ÖSV-Abfahrtstitel. Ihr letztes Rennen, denn damit beendete sie ihre Karriere und begann nahtlos ihre Skilehrer-Ausbildung.

Pension als zweites Standbein

Schon im Winter 1976/77 stand sie im Team der Skischule Warth – und blieb dort fast drei Jahrzehnte. Gleichzeitig baute sie ihr zweites Standbein, die Pension Wiltrud Drexel, auf. Während sie als Skilehrerin längst ihren wohlverdienten Ruhestand angetreten hat, ist sie in ihrer Pension nach wie vor aktiv. „Ich gehe es aber ruhiger an – im Wesentlichen urlauben bei mir noch meine langjährigen Stammgäste, zum Teil schon die zweite oder dritte Generation“, so Wiltrud Drexel. STP

Zur olympischen Medaille gab es für die ersten drei Ränge auch noch die WM-Medaille der FIS. <span class="copyright">stp/3</span>
Zur olympischen Medaille gab es für die ersten drei Ränge auch noch die WM-Medaille der FIS. stp/3
Mit ihrem Erfolg und vor allem dem Empfang konnte Wiltrud Drexel auch den Bekanntheitsgrad ihrer Heimatgemeinde Warth gewaltig steigern.
Mit ihrem Erfolg und vor allem dem Empfang konnte Wiltrud Drexel auch den Bekanntheitsgrad ihrer Heimatgemeinde Warth gewaltig steigern.