Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Ein richtiger Sonntag

Vorarlberg / 10.02.2022 • 10:29 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Dieser Bregenzer Sonntag setzt der Woche Glanzlichter auf, ohne ein einziges Blaulicht zu bemühen. Pärchen schlendern durch die Seeanlagen. Sie reden miteinander, aber man hört sie kaum. Keine Stimme setzt sich ungebührlich laut ins Szene, nicht eine Tröte plärrt. Die einzige „Amtsperson“ weit und breit ist der Portier im Festspielhaus. Später dann, im großen Saal. Der Herr dort unten, der jetzt ganz in sich gekehrt gemessenen Schrittes den Orchestergraben durchschreitet, das also ist der Dirigent. Die Musiker haben ihn gleich erkannt. Das Publikum braucht etwas länger. Kramt noch in Erinnerungen. Ist gut damit beschäftigt, sich zurechtzufinden. Man hat ja plötzlich wieder Nachbarn! Auch vorn und hinten. Aber schon senkt sich die Dunkelheit über all das Staunen, und das Orchester hebt zu spielen an. In einer herrlich altmodischen Kulisse drehen Tänzerinnen und Tänzer ihre Pirouetten. Das alles geschieht vor aller Augen so nah, dass man mitunter den Bühnenboden ächzen hört.

Zu einem richtigen kleinen Bregenzer Frühling avanciert dieser Sonntag. Er gehört ganz den Menschen, die hier wohnen. Sie nehmen ihn dankbar aufatmend an. Die einzige Auseinandersetzung bleibt die zwischen Nussknacker und Mäusekönig. Tschaikowskys „Marsch der Zinnsoldaten“ indes verleiht so manchem Schritt auf dem Nachhauseweg noch tänzerische Unbeschwertheit.

Thomas Matt

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