Nach Unglück zum Glauben gefunden

Vorarlberg / 10.02.2022 • 19:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Unglück läuterte sein Wesen, Mohammed besucht oft die Moschee in Bludenz.
Das Unglück läuterte sein Wesen, Mohammed besucht oft die Moschee in Bludenz.

Mohammed Boudabbe überlebte nur knapp einen Autounfall. Seither ist der Flüchtling fromm.

Vandans In Algerien sah der heute 31-jährige Mohammed Boudabbe keine Zukunft für sich. Deshalb wollte der junge Nordafrikaner nach Frankreich auswandern. Er erhoffte sich in Europa ein besseres Leben. Vor zehn Jahren verließ er seine Heimatstadt Algier in Richtung Türkei. Bei dem Versuch, illegal nach Griechenland zu kommen, griffen ihn Soldaten auf.

Anfangs große Enttäuschung

„Ich war 55 Tage im Gefängnis. Um wieder freizukommen, habe ich sogar Shampoo mit Wasser getrunken.“ Mohammeds Plan ging auf. „Nach dem Spitalsaufenthalt war ich frei.“ Anschließend bezahlte er Schlepper, die ihn nach Griechenland bringen sollten. „Beim dritten Versuch hat es geklappt.“ Neun Monate saß er in Griechenland fest. Sein Leben dort war eine Katastrophe. „Ich habe unter der Brücke geschlafen und in der Kirche um Almosen und Essen gebettelt.“

So hatte sich der Algerier Europa nicht vorgestellt. „Ich wäre nicht gekommen, wenn ich gewusst hätte, dass es so ist.“ Seine Enttäuschung war groß, weil ihm nun dämmerte, „dass ich weder in Algerien noch in Europa eine Zukunft habe. Ich fühlte mich verloren“. Trotzdem hielt der Flüchtling an seinem Plan fest, sich in Europa eine Existenz aufzubauen. Im Jahr 2013 erreichte Mohammed Wien. Er kam im Flüchtlingslager Traiskirchen unter. „Ich suchte um Asyl an. Dann hat man mich nach Vorarlberg geschickt.“ Eine Flüchtlingsunterkunft im Montafon wurde zu seinem neuen Zuhause. Der Asylwerber wartete auf das Ende des Verfahrens und lebte planlos in den Tag hinein. „Ich habe Alkohol getrunken, gekifft, mit Frauen angebandelt“, zeigt er auf, wie er vor dem folgenschweren Unfall lebte. Im Jänner 2017 verunglückte er mit dem Auto.

„Ein Bekannter aus Armenien nahm mich im Pkw von Schruns nach Vandans mit“, erzählt er, wie das Verhängnis seinen Lauf nahm. In Gantschier kam der Wagen ins Schleudern und prallte in eine Mauer. „Mein Bekannter starb bei dem Unfall.“ Auch sein Leben hätte an diesem Abend beinahe ein Ende gefunden. „24 Tage kämpfte ich auf der Intensivstation um mein Leben, ich hatte Blutungen im Gehirn und in der Lunge.“ Später teilten ihm die Ärzte mit, dass er eine Überlebenschance von 1 zu 100 hatte. „Sie glaubten auch, dass ich an den Rollstuhl gefesselt sein würde, wenn ich überlebe.“ Zum Glück kam es anders. „Ich kann nach wie vor joggen und Fußball spielen“, sagt er.

Mohammeds Augen haben sich mit Tränen gefüllt. Es sind Tränen der Dankbarkeit. „Wenn ich morgens aufwache, danke ich zuerst Gott, dass ich noch leben darf.“ Durch den Unfall fand Mohammed zu Gott. „Er macht mich glücklich.“ Das Unglück hat sein Wesen geläutert. „Ich trinke und rauche nicht mehr.“ Auch Sex ist für ihn jetzt tabu, bis er eine Frau zum Heiraten findet. Das Gebet nimmt seit dem Unfall einen festen Platz in seinem Leben ein. „Ich bete fünf Mal am Tag.“ Der gläubige Muslim vertraut auf Allah – auch in Sachen Bleiberecht. „Drei Mal wurde mein Antrag auf Asyl abgelehnt“, bedauert er. Dem 31-Jährigen droht die Abschiebung. Polizisten könnten jeden Tag an seine Tür klopfen. Dabei ist es sein Herzenswunsch, dass er in Vandans bleiben kann. Denn dieser Ort ist ihm mittlerweile zur Heimat geworden. Durch sein leidenschaftliches Engagement bei der örtlichen Feuerwehr und seine Arbeit beim Bauhof ist er fest in das Dorf eingebunden.

Hilfe durch Nachbarn

Auch zu seinen Nachbarn hat Mohammed, der auch schon als Schülerlotse tätig war, einen guten Kontakt. „Ein Nachbar ist Polizist. Er hat mir schon oft geholfen, kürzlich durfte ich meine Kleidung bei ihm waschen, nachdem unsere Waschmaschine kaputt gegangen war.“ Aber Nachbarschaftshilfe ist keine Einbahnstraße. Zuletzt räumte Mohammed dem netten und hilfsbereiten Nachbarn den Schnee weg. VN-KUM