Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Zwei Jahre Pandemie und vieles beim Alten

Vorarlberg / 14.02.2022 • 22:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Und wieder ein Gipfel, diesmal ein hoffnungsfroher „Öffnungsgipfel“. Am Mittwoch treffen Regierung, Landeshauptleute und Gecko-Beratungsgremium zusammen, um weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen zu diskutieren. Denn die Nerven der Menschen sind mürbe geworden. Der Kampf gegen die Pandemie, die nun schon zwei Jahre währt, hinterlässt ihre Spuren nicht nur im Leben vieler, sondern auch im Umgang miteinander – die Ausnahmesituation hat abseits von Fortschritten in der Digitalisierung gesellschaftlich wenig zum Besseren verändert. Sondern Entwicklungen, die bereits vor Corona da waren, noch verschärft.

Wir-Gefühl wäre wichtig, ist aber nicht verordenbar. All die Appelle an das große „Wir“ mögen zu Beginn der Pandemie funktioniert haben, im ersten Lockdown, als man zusammenrückte. An sich ist ja vielen bewusst, dass man ein gefährliches Virus, das uns bedroht und unsere bürgerlichen Freiheiten einschränkt, nicht mit den Heldentaten Einzelner bekämpfen kann. Das Virus lässt sich nicht von der „Ich, ich, ich“-Kultur der westlichen Wettbewerbsgesellschaften beeindrucken, sondern kümmert sich höchst effektiv um seine Virus-Angelegenheiten, also die größtmögliche Verbreitung. Doch die Menschen reagieren auf die Bedrohung vielfach mit Vereinzelung im Denken – bis hin zur inneren Emigration.

Mehr Gelassenheit wäre wünschenswert, ist aber unmöglich. In der Ausnahmesituation unterstützen sich Menschen nicht nur auf den Social-Media-Plattformen, sondern befeuern oft ihre Ängste noch gegenseitig: Apokalypse, jetzt! „Das Internet ist zu erheblichen Teilen eine Affektmaschine“, analysiert der deutsche Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ – und außer Affekten gibt es jetzt auf Social Media leider nicht viel zu sehen. Aufklärung und Information, die Errungenschaften des Netzes, werden von der Affektmaschine überrollt.

Verständnis für andere wäre notwendig, ist aber nicht selbstverständlich. In der Pandemie entsteht bei vielen aus dem Nichtverstehen-Wollen oder Nichtnachvollziehen-Können anderer Bedürfnisse das Gefühl, sich über den anderen erheben zu müssen. Eine unschöne Verächtlichkeit prägt den gegenseitigen Umgang: Junge gegen Alte, Leute mit Job gegen Leute, die ihren Job oder ihr Geschäft verloren haben, Menschen mit Kindern und deren Nöten gegen Menschen ohne Kinder. Dabei wäre es nicht so schwierig zu verstehen: Die Bedürfnisse und Probleme aller haben ihre Berechtigung, doch manche Gruppen sind besonders hart betroffen. Menschen mit Vorerkrankungen, psychisch kranke Menschen oder Menschen, die es vor Corona auch schon schwerer hatten, weil sie über weniger Einkommen und Ressourcen verfügen.

„Die Menschen reagieren auf die Bedrohung vielfach mit Vereinzelung im Denken – bis hin zur inneren Emigration.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.