Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Authentischer Johannes

Vorarlberg / 20.02.2022 • 22:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„A Kind brucht an Vatr und koan Olympiasieger.“ Ein spontaner Satz im Interview von Johannes Strolz nach dem Gewinn von Kombi-Gold, der pickt. Bleibt, anders als die meisten Sportler-Statements, noch lange im Gedächtnis haften. Oder erinnern Sie sich noch am nächsten Tag, was unsere Sportler in den Zielraum-Interviews gesagt haben? Was war, außer diesem Satz, das Auffallende am Interview des Olympiasiegers? Der Dialekt. Nicht jener Pseudo-Dialekt, den manche Ko-Kommentatoren sprechen, sondern der unverfälschte. Goethe hat richtig gesagt: „Beim Dialekt beginnt die gesprochene Sprache“. Strolz springt nicht zwischen Hochdeutsch und Dialekt hin und her, sondern redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Ja, sagen jetzt manche, dann verstehe man ihn außerhalb des Landes nicht. Ich weiß noch gut, dass man genau das Anita Wachter nach dem Olympia-Sieg 1988 vorgeworfen hat. Nicht ihre Skifirma, wie sich der damalige Geschäftsführer der unvergessenen Skimarke Kästle, Wolfgang Nussbaumer, erinnert. Sondern der Skiverband. Danach hat Anita Wachter viel von ihrer Spontaneität verloren. Sie hat sich, wie man an ihren jetzigen Interviews merkt, längst gefangen, aber damals war es ein Verlust ihrer Natürlichkeit.

Auch wenn Nichtvorarlberger nicht alles verstehen: Viel wichtiger ist, dass Strolz authentisch wirkt. Er ist in einer Zeit der ewig gleichen Reporterfragen („Was haben Sie gefühlt als Sie am Start standen?“) ein Unikat. Unverwechselbar. Ihm nimmt man ab, was er sagt. Ich gehe davon aus, dass der Skiverband den Athleten für das Medienverhalten ein Coaching verpasst. Dagegen ist nichts einzuwenden. Spitzensportler sind Profis und dazu gehört auch professionelles Verhalten gegenüber Medien. Was man vor der Kamera zu tun hat, dafür sorgen schon die Ski- oder Getränkefirmen. Wie hält man den Ski möglichst unauffällig in die Kamera? Wie halte ich ein bestimmtes Getränk gut sichtbar? Wie verhalte ich mich als Führender, auf den immer eine Kamera gerichtet ist, wenn ein Konkurrent stürzt, damit es nicht so ausschaut als wäre man schadenfroh? Wichtig aber ist, dass der Sportler seine Identität nicht verliert und nicht übertrainiert wirkt wie Politiker, deren glattgebügelte Antworten uns oft genug zum Hals heraushängen. Nur ja keinen Fehler machen! Ja nix sagen, mit dem man dich später festnageln kann, wie soeben wieder Minister Mückstein bei Armin Wolf. Johannes Strolz hat es in einem Interview für die „Presse“ treffend formuliert, auf Hochdeutsch natürlich: „Was vielen Athleten guttun würde, ist, dass sie lernen, wirklich auf ihr eigenes Gefühl und Herz zu hören.“ Er ist, wie es Vater Hubert in einem sehr emotionalen ORF-Interview ausgedrückt hat, „mit bedna Füaß ufm Boda“.

Ich bin kein Dialektfetischist. Dialekt im Unterricht oder in den Nachrichten: Sicher nein. Ob der Dialekt eine Widerstandshaltung gegen die Globalisierung ist, wie der Mundartforscher Hubert Allgäuer meint, kann ich nicht beurteilen. Am besten gefällt mir die Formel des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann aus der Feldkircher Partnerstadt Sigmaringen. Er weiß natürlich, dass seine global agierenden Betriebe verständlich kommunizieren müssen, wie unsere ja auch. Er redet von einer „situativen Zweisprachigkeit“: „Wir sollten so schwäbisch wie möglich und so standarddeutsch wie nötig miteinander kommunizieren.“ Sympathisch klingt auch sein „Der Dialekt ist wie eine Heimat, die man überall hin mitnimmt und die einen, für alle hörbar, niemals verlässt.“ Nicht nur am heutigen internationalen Tag der Muttersprache.

„Danach hat Anita Wachter viel von ihrer Spontaneität verloren.“

Wolfgang
Burtscher

wolfgang.burtscher@vn.at

Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.