„Haltungen sind verhärtet“

Vorarlberg / 20.02.2022 • 22:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Impfbereitschaft ist durch Lockdown und Pflicht nicht erhöht, sondern gesenkt worden.

SCHWARZACH Wie in ganz Österreich lässt sich auch in Vorarlberg kaum noch jemand erstimpfen. Im Schnitt handelt es sich gemessen an der Gesamtbevölkerung nur noch um 0,01 Prozent pro Tag. Bleibt es dabei, braucht es mehr als drei Monate, damit der Anteil zumindest einmal Geimpfter auch nur um einen Prozentpunkt steigt. Und dann sind es hierzulande noch immer keine drei Viertel.

Das ist umso bemerkenswerter, als es seit Anfang Februar eine Impfpflicht gibt und schon seit geraumer Zeit Druck auf Ungeimpfte ausgeübt wird. Mitte November des Vorjahres kam es zu einem eigenen Lockdown allein für sie. Exakt mit diesem Zeitpunkt begann die Zahl der Erstimpfungen jedoch zurückzugehen.

Negative Auswirkung

Ein Zufall? Oder waren solche Maßnahmen kontraproduktiv? Die VN haben mit dem Verhaltenswissenschaftler Florian Spitzer gesprochen, der sich schon länger damit beschäftigt. Zunächst einmal bekräftigt der Wissenschaftler, dass man nicht wisse, wie die Entwicklung ohne Lockdown gewesen wäre. Außerdem sei die Impfbereitschaft auch vom Infektionsgeschehen abhängig. Zu beachten sei überdies, dass der Kreis der Ungeimpften langsam, aber doch kleiner wird und es sich zunehmend um Männer und Frauen handelt, die schwer zu erreichen sind. Jetzt folgt ein „Aber“ von Spitzer: „Aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht gibt es Gründe anzunehmen, dass sich der Lockdown für Ungeimpfte negativ auf die Impfbereitschaft ausgewirkt hat. Menschen mögen es nicht, wenn Druck auf sie ausgeübt wird, gerade wenn es um die persönliche Gesundheit geht. Bei einem Teil löst das eine Abwehr aus, die tief verhaftet ist. Diese Überlegungen betreffen vor allem die Impfpflicht, lassen sich aber auch auf den Lockdown für Ungeimpfte übertragen, der ja auch mit Druck arbeitet.“

Wie lässt sich das korrigieren? Zunächst drohen die Herausforderungen größer zu werden. „Wenn man in Richtung ,Freedom Day‘ geht, wird sich das eher weiter negativ auswirken auf die Impfbereitschaft“, warnt Spitzer: „Wenn der Eindruck entsteht, dass die Impfung akut gar nicht notwendig ist, ist es noch einmal schwieriger, dafür zu motivieren.“ Das hat man schon vor einem Jahr gesehen: Der seinerzeitige Kanzler Sebastian Kurz erklärte, die Pandemie wandle sich von einer „akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu einem individuellen medizinischen Problem“. Seine Partei, die ÖVP, plakatierte damals gar, sie sei „gemeistert“. Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) versprach einen sorglosen „Sommer wie damals“, vor der Pandemie. Auch das dürfte neben den Ferien dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Erstimpfungen im Juli schlagartig einbrach.

Jetzt wird es extraschwierig, die Leute zu mobilisieren, so Spitzer: „Vor einem Jahr hätte ich mir zugetraut, konkrete Maßnahmen zu empfehlen. Jetzt wird zum Beispiel eine persönliche Einladung zu einem Impftermin aber nicht mehr viel bringen. Die Haltungen sind zu verhärtet.“ Jedenfalls notwendig wäre es, zu untersuchen, wer sich warum noch nicht impfen ließ. Dann könnte man sich überlegen, wie man diese Leute noch gewinnen könnte. JOH

„Vor einem Jahr hätte ich mir zugetraut, konkrete Maßnahmen zu empfehlen. “