Mit Mut und Ehrgeiz durchs Leben

Vorarlberg / 20.02.2022 • 17:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Seit über 40 Jahren gehen Brigitte und Werner miteinander durch dick und dünn. VN/Kum
Seit über 40 Jahren gehen Brigitte und Werner miteinander durch dick und dünn. VN/Kum

Contergan-Opfer Brigitte Weiss-Madlener (59) meistert ihr Schicksal mit Bravour.

Dornbirn Brigitte Weiss-Madlener aus Dornbirn kam mit Fehlbildungen an Armen und Händen zur Welt. Ihre Mutter hatte damals in der Schwangerschaft eine Softenon-Tablette, eingenommen. In Deutschland wurde dieses Beruhigungs- und Schlafmittel Ende der 1950er Jahre unter dem Handelsnamen Contergan verkauft. Es führte zu schweren Schädigungen am ungeborenen Embryo.

Die heute 59-Jährige erinnert sich an eine wohlbehütete Kindheit: „Ich wurde daheim als ein ganz normales Kind angesehen, dem man ab und zu behilflich sein musste.“ Ihr Handicap war in der Familie kein Thema. „Aber einmal sah ich meine Mutter weinen, weil sie mitbekam, wie schwer ich mir beim Schuhe binden tat.“ Ab und zu kam bei Brigitte die Frage auf: „Wieso habe ich kurze Arme?“ das Mädchen machte sich den eigenen Reim darauf. „Ich glaubte, dass ein Fuchs sie mir abgebissen hat.“ Manchmal bemühte sie sich besonders brav zu sein, „weil ich dachte, dass ich dann am nächsten Tag lange Arme hätte“.

Im Kindergartenalter verbrachte Brigitte ein halbes Jahr in einer Spezialeinrichtung in Frankfurt, in der durch Contergan geschädigten Kindern Selbstständigkeit antrainiert wurde. „Ich habe die Kinder gesehen und dachte mir: Sind die arm.“ Sich selbst betrachtete sie mit anderen Augen.

„Ich sah mich nicht als einen Menschen mit Behinderung.“ In der Pubertät haderte Brigitte aber mit ihrem Schicksal. „Damals dachte ich mir: Du findest keinen Mann.“

Sportliche Erfolge

Die trübe Stimmung hielt jedoch nie lange an. Der Teenager hatte ein gutes Umfeld: Eltern und zwei Schwestern, die sie liebten, eine Freundin, mit der sie viel unternahm und einen Dackel, der sie viele Jahre begleitete. Außerdem war sie mit 14 dem Versehrtensportverein beigetreten. Skifahren wurde ihre Leidenschaft. Das regelmäßige Training und ihr Talent brachten die Versehrtensportlerin weit. Brigitte Weiss-Madlener wurde nicht nur mehrfache Staatsmeisterin, sondern sogar Olympiasiegerin und Weltmeisterin. „Ich war bei jedem Rennen sehr nervös. Jedes Mal schwor ich mir: Das ist das letzte Rennen, das du fährst.“

Durch den Sport lernte sie nicht nur viele andere Länder und interessante Menschen kennen, wie etwa Königin Silvia von Schweden. Sie gewann auch viel Selbstvertrauen. Außerdem ging die Dornbirnerin selbstbewusst ihren beruflichen Weg. Sie absolvierte mit Erfolg eine Lehre zur Fotogravurzeichnerin. „Ich habe diesen Beruf gewählt, weil ich schon immer gerne gemalt habe“. Die Landschaftsbilder in ihrem Wohnzimmer stammen von ihr und zeugen von großem Können.

Aufforderung zum Tanz

Mit 18 schaffte die junge Frau dann auch den Führerschein. „Mit einer „Ente“, die eigens für mich umgebaut worden war“, erzählt sie. 19 Jahre war sie, als sie dann in einer Disco ihren Werner kennenlernte, ihre Lebensliebe. „Wir kamen an der Bar ins Gespräch. Brigitte ärgerte sich, dass sie niemanden zum Tanzen hatte. Da habe ich sie aufgefordert“, erinnert ihr Mann sich, der nun seit mittlerweile mehr als 40 Jahren an ihrer Seite ist. Werner registrierte damals zwar Brigittes Handicap, störte sich aber überhaupt nicht daran. Das Paar heiratete und bekam drei Kinder. Dass alle drei gesund auf die Welt kamen, empfanden die Eltern als großes Geschenk.

Als Brigitte Mutter wurde, gab sie die Arbeit und den Sport auf. Rückenschmerzen zwangen sie in die Invalidenpension. Inzwischen sind die Kinder erwachsen und Brigitte und Werner auch schon Großeltern von fünf Enkeln. Immer noch ist das Ehepaar sehr aktiv. „Wir gehen gemeinsam spazieren, wandern, rodeln und fahren Motorrad.“ Vor allem Brigitte ist es wichtig, in Bewegung zu bleiben. So bedeutet ihr der wöchentliche Turnkurs in der Landessportschule, den sie leitet, sehr viel. Die Frau, die 2018 eine Krebserkrankung überstand, findet das Leben mit all seinem Auf und Ab lebenswert. Jeden Morgen freut sie sich darüber, dass sie gesund aufstehen kann. „Als erstes sage ich zu meinem Schutzengel auf dem Nachttischkästchen: Hab ein Auge auf uns! Abends danke ich Gott für den guten und schönen Tag.“ Aus ihrem Glauben schöpft Brigitte Weiss-Madlener allzeit Kraft.

Brigitte Weiss-Madlener war eine erfolgreiche Versehrtensportlerin.
Brigitte Weiss-Madlener war eine erfolgreiche Versehrtensportlerin.