Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Hauptsache: Meine starke Meinung

Vorarlberg / 21.02.2022 • 22:42 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Harald Martenstein versteht die Medien-Welt nicht mehr. Der deutsche Kolumnist, gerne für eine publizistische Aufregung zu haben, verlässt den Tagesspiegel nach einer kontroversen Debatte um einen seiner Texte. „Dies ist meine letzte Kolumne für diese Zeitung, mit der ich fast genau mein halbes Leben verbracht habe“, schreibt der 68-Jährige am Sonntag. Zuvor hatte sich die Chefredaktion des Blattes von seiner Anfang Februar erschienenen Kolumne distanziert und diese gelöscht. Darin bezeichnete Martenstein das Tragen von „Judensternen“ mit der Aufschrift „Ungeimpft“ auf den Corona-Demonstrationen zwar als „eine Anmaßung, auch eine Verharmlosung“ und „für die Überlebenden schwer auszuhalten“, aber als „sicher nicht antisemitisch“, weil die Träger sich mit verfolgten Juden identifizierten.

Der Kolumnist verabschiedet sich auf der Seite eins des Tagesspiegels, standesgerecht mit dem Titel: „Ich bleibe bei meiner Meinung“ – Aufregung in der politmedialen Szene und auf den Social-Media-Plattformen, wo die Medienleute wohnen. Das ist nur einer von zahlreichen Fällen, in denen sich Journalismus in Gestalt seiner Protagonisten (Protagonistinnen tun sich dabei seltener hervor) viel zu wichtig nimmt.

Wir Medienschaffende haben heute die Rolle der Kuratorinnen und Kuratoren des reißenden Informationsstroms. Wir sind keine allmächtigen „Gatekeeper“ mehr, die bestimmen, was die Menschen erfahren. Da draußen gibt es so viel neue Konkurrenz, die Informationen anbietet, dass man sich anstrengen sollte, um zu bestehen. Sorgfältiger Journalismus hat eine wichtige demokratiepolitische Funktion, für die er mehr leisten muss als vor 20 Jahren. Aufwühlende Reden über die vierte Gewalt auf Medienkongressen zu schwingen, das beeindruckt höchstens jene, die dort ebenfalls aufwühlende Reden über die vierte Gewalt schwingen.

Und auch die Überzeichnung der eigenen Position gehört in der Pandemie leider noch mehr zum journalistischen Geschäft. Fragwürdige Sichtweisen werden als besondere Meinungsstärke verkauft, und damit ist Harald Martenstein nicht alleine – auch wenn das Tragen von „Judensternen“ auf Demonstrationen inmitten rechtsextremer Gruppen als „sicher nicht antisemitisch“ zu bezeichnen schon eine besonders kühne Behauptung darstellt.

Es gibt eine Verantwortung über die eigene Sichtweise der Welt hinaus. Hauptsache: Meine starke, pointierte Meinung – das war in den 2000er-Jahren eine Leistung. Gerade heute in der aufgeheizten Stimmung sollten wir bei aller klaren Meinungsäußerung versuchen, bewusster mit Sprache und Bildern umzugehen. Jetzt, wo alle viel zu viel Meinung zu allem haben, wäre mehr Achtsamkeit die größere Leistung.

„Heute, wo alle viel zu viel Meinung zu allem haben, wäre mehr Achtsamkeit die größere Leistung.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.