Wie Dmytro und Ivan dem Kriegswahnsinn zu entkommen suchen

Vorarlberg / 25.02.2022 • 18:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Wie Dmytro und Ivan dem Kriegswahnsinn zu entkommen suchen
VN/Steurer, Dür

Zwei Brüder an zwei Fronten, verdammt dazu, aufeinander zu schießen. Da bleibt nur das Verstecken.

Schwarzach, Kiew, Donezk Nicht nur ihrer Mutter bricht es das Herz, auch ihrer Cousine Kira (39) im weit entfernten und sicherne Schwarzach: Dmytro und Ivan, zwei Brüder, die sich mögen. Und doch könnte sie der Kriegswahnsinn in der Ukraine dazu verdammen, aufeinander zu schießen. Weil Ivan noch in Donezk jederzeit für das russische Militär rekrutiert werden könnte, Dmytro in Kiew für die ukrainische Armee.

<p class="caption">Die Brüder Ivan und Dmytro. Sie verstecken sich vor dem Krieg und wollen nur eines: überleben. <span class="media-container dcx_media_rtab" data-dcx_media_config="{}" data-dcx_media_type="rtab"> </span><span class="marker">Dür</span></p>

Die Brüder Ivan und Dmytro. Sie verstecken sich vor dem Krieg und wollen nur eines: überleben.  Dür

Morgendlicher Rundruf

Kira Dür durfte am Freitag in der Früh zwischenzeitlich wieder aufatmen. “Wir haben eine familieninterne WhatsApp-Gruppe. Dazu gehören meine Tanten, Onkeln, Mama sowie Dmytro und Ivan. Ich frage sie jeden Tag wie es ihnen geht und bin froh, wenn sie am Leben sind”, berichtet die gebürtige Ostukrainerin.

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Freilich hat sich das Leben für ihre Angehörigen völlig verändert. Vor allem für ihre zwei männlichen Cousins. “Dmytro hat sich in Kiew aus seinem Wohnhaus im Stadtzentrum entfernt. Er ist mit seiner Frau und den beiden siebenjährigen Zwillingen zu einem Kollegen außerhalb der Stadt gezogen. Der hat einen Schutzkeller. Dort bereiten sie sich auf einen längeren Aufenthalt vor, lagern Lebensmittel und andere wichtige Dinge des täglichen Bedarfs ein”, berichtet Dür.

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Dmytro lebe in der ständigen Angst, von den ukrainischen Sicherheitskräften aufgegriffen und in den Krieg geschickt zu werden. “Jeder wehrfähige Mann wird derzeit eingezogen. Dmytro hat Familie mit zwei Kindern. Er will doch nicht in einen Krieg, in dem der Gegner wohl überlegen ist”, zeigt seine Cousine vollstes Verständnis für ihren Verwandten.

Ziel heißt überleben

Das tut sie freilich auch für ihren zweiten Cousin Ivan auf der anderen Seite der Front. Noch steht der im von den Russen überrannten Donezk zwar noch nicht in den uniformierten Reihen jener, die gegen die Ukrainer zu Felde ziehen. “Das kann ihm aber blühen, wenn sie ihn erwischen”, erzählt Kira Dür.

Auch Ivan hat ihr von permanenten Gefechten in seiner unmittelbaren Umgebung erzählt. Er hält sich versteckt und hofft wie sein Bruder, dass dieser Alptraum irgendwann in nächster Zeit ein Ende nimmt. Kira erzählt ein Geschichte über Ivan. “Als ich mit ihm sprach, meinte er: ‘Weißt du Kira. Vor kurzem habe ich mir für den Sommer nur ein Ziel gesetzt, ein paar Kilo abzunehmen. Jetzt gibt es für mich ein anderes ausschließliches Ziel: Ich will überleben!'” 

“Ivans einziges Ziel war es für den Sommer, abzunehmen. Jetzt heißt sein einziges Ziel: überleben.”

Kira Dür, gebürtige Ostukrainerin

Der Krieg habe für ihre auf die ganze Ukraine verteilte Großfamilie über Nacht völlig andere Lebensrealitäten geschaffen, merkt die in Schwarzach lebende Mutter einer Tochter an. “Wir leben in ständiger Angst, ein Mitglied unserer Familie zu verlieren. Wir sind in einer depressiven Stimmung. Das schönste am Tag ist, wenn ich weiß, es gibt alle noch. Es ist nichts mehr so, wie es vorher war.”

Die 39-jährige hat ihre Meinung über Putin, der ihr vorher nicht unsympathisch war, geändert. “Er sagt, er wolle uns befreien. Ja von wem denn und wie? Und was kommt dann? Niemand weiß, wie es weitergehen soll.”