Hunger nach Frieden und Würde

Vorarlberg / 27.02.2022 • 21:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Moaz al Shamma gibt ein Oud-Konzert in einer Kirche.
Moaz al Shamma gibt ein Oud-Konzert in einer Kirche.

Nach der Ankunft in Österreich war für Moaz al Shamma der Albtraum vorbei.

GÖTZIS Er kann nicht auf Menschen schießen. Das müsste Moaz al Shamma jedoch tun, wäre er in Syrien geblieben. Dem Einberufungsbefehl der syrischen Armee entkam der 30-jährige Jurist und Musiker nur durch Flucht.

Seine Geschichte erzählt er auch im Namen der anderen hierher geflohenen Syrer, betont Moaz: „Wir haben unser Land verlassen, weil dort Krieg herrscht. Und weil wir Hunger hatten, aber nicht nach Essen, sondern nach Frieden und Würde. Wir wollen ohne Vorurteile als Menschen akzeptiert werden.“

Der Jurastudent

Moaz al Shamma kommt am 1. Juni 1991 zur Welt und wächst in einem Ort außerhalb der Hauptstadt Damaskus mit Mutter, Vater, vier Brüdern und zwei Schwestern auf. Als 2011 der Krieg ausbricht, ist Moaz 20 Jahre alt, studiert Rechtswissenschaften und wohnt in Damaskus. Während sich der bewaffnete Konflikt in Syrien immer mehr zuspitzt, beschließt die Familie Al Shamma, nach Ägypten zu fliegen. Dort lässt sich Moaz an der Oud, der orientalischen Laute, ausbilden. „Ich bin mit Musik aufgewachsen“, sagt er. „Musik ist das Heiligtum meiner Seele.“

2013 kehrt Moaz mit einem Teil seiner Familie nach Syrien zurück. Dort hat sich der Bürgerkrieg zwi-schenzeitlich zu einem internationalen Krieg entwickelt, an dem sich zahlreiche westliche und östliche Staaten beteiligen. Moaz erfährt, dass der Ort, in dem er aufwuchs, nun Frontlinie ist und viele Freunde durch Bomben und im Kampf ihr Leben verloren haben.

Er macht sein Jurastudium fertig und hängt ein Semester des Masterstudiums „International Relationships“ dran. 2014 muss er einrücken. „Solange ich studierte, konnte ich den Militärdienst hinausschieben, aber danach ging das nicht mehr“, erzählt Moaz. „Außerdem war das Leben in Syrien ein Albtraum.“

Im Jänner 2015 gelingt ihm die Flucht in die Türkei. Von dort geht es im Juli weiter Richtung Europa. In einem Küstenort südlich von Izmir steigt Moaz in ein Schlauchboot, in dem 40 andere Flüchtlinge dicht kauern. Ziel ist die griechische Insel Samos.

Nach fünf Stunden Fahrt geht dem Boot die Luft aus. Die Küstenwache von Samos rettet alle Geflüchteten. Moaz reist nach der Registrierung an Bord eines Passagierschiffs nach Athen. Ab dort setzt er die Flucht über Makedonien, Serbien und Ungarn nach Österreich mit Bussen, Zügen und Privattaxis fort. „Plötzlich war ich in Wien und hatte das Gefühl, der Albtraum ist vorbei.“ Gemeinsam mit fünf anderen Geflüchteten sucht er die nächste Polizeistation auf, um Asyl zu beantragen. „Wir übernachteten in einer Haftzelle“, erzählt Moaz. „Ich habe noch nie so gut geschlafen!“

Die nächsten Stationen sind das Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, eine Flüchtlingsunterkunft in Eisenstadt, schließlich ein Caritas-Wohnheim in Götzis. Dort bleibt er einen Monat, dann zieht er nach Wolfurt in ein Zimmer, das er sich mit einem Iraker teilt.

In Wolfurt begegnet Moaz al Shamma dem griechischen Musik- und Bewegungspädagogen Andre-as Paragioudakis. „Andreas gefiel es, wie ich die Oud spiele. Und wir entdeckten, dass viele griechische und syrische Lieder sehr ähnlich klingen.“ Das gemeinsame Konzertprojekt „Von Damaskus nach Rethymno“ entsteht. „Damit gab mir Andreas die Möglichkeit, an vielen Orten, vor allem in Schulen, zu spielen“, sagt Moaz. „Auf einmal war ich nicht mehr der arme Flüchtling, sondern ein Künstler, dem die Menschen zuhören.“

Von der Musik allein kann Moaz jedoch nicht leben. Nachdem er hier als Jurist nicht tätig sein kann, macht er eine Lehre als Bürokaufmann bei den VKW in Bregenz. 2019 zieht es ihn nach Wien, wo er in einer Logistikfirma arbeitet. Im Juni 2021 ist er wieder da, lässt sich in Götzis nieder: „Es war wie heimkommen. Denn in Vorarlberg hat mein Gedächtnis angefangen, Gefühle und Erinnerungen zu sammeln.“ Seit Kurzem ist Moaz bei Gebrüder Weiss beschäftigt, und langsam geht es auch wieder mit Konzerten los.

Einsamkeit

Das Schwierigste für Moaz al Shamma ist die Einsamkeit: „Die Familie ist weit weg.“ Die Geschwister sind in alle Welt verstreut. In Damaskus leben nur noch ein Bruder und die Mutter. Der Vater starb letztes Jahr. Am meisten fehlt ihm die Mutter. Ihretwegen packt ihn hin und wieder das Heimweh. „Aber jetzt habe ich ja eine zweite Heimat – Vorarlberg.“

„In Vorarlberg hat mein Gedächtnis angefangen, Gefühle und Erinnerungen zu sammeln.“

In Vorarlberg hat Moaz eine zweite Heimat gefunden. HRJ
In Vorarlberg hat Moaz eine zweite Heimat gefunden. HRJ