Jungärzte wollen nicht auf Wartelisten

Vorarlberg / 06.03.2022 • 16:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Jungärzte wollen nicht auf Wartelisten
Gehen etwa Chirurgen in Pension, fehlen gleich ein paar Jahre Erfahrung.  khbg/mathis
 

Ärztevertreter fordern vorausschauende Personalplanung.

Dornbirn Der Ärztemangel ist schon lange ein Thema, und das nicht nur im niedergelassenen Bereich. Engpässe drohen auch in den Krankenhäusern.

Allerdings nicht, weil es einen Mangel an interessierten Jungärzten gäbe. Vielmehr fehlt es an Ausbildungsplätzen. Doch auf Wartelisten lassen sich die angehenden Mediziner nicht gerne setzen. „Die sind sofort weg und dann meist langfristig für unsere Spitäler verloren“, weiß Primaria Ruth Krumpholz, Chefärztin im LKH Bludenz. 

Kurzfristige Überbesetzung

Gleichzeitig rollt eine Pensionierungswelle durch die Reihen langjähriger Krankenhausärzte. Die Rede ist von über 80 Spitalsärztinnen und -ärzten, die in den nächsten vier Jahren ausscheiden. „Das hat weitreichende Konsequenzen“, warnt der Vizepräsident der Ärztekammer, Hermann Blaßnig, und verdeutlicht sie an einem Beispiel: „Allein in der Chirurgie in Dornbirn sind demnächst 100 Jahre chirurgische Erfahrung in Pension. Dieses Wissen kann nicht einfach ersetzt werden, denn es dauert nach dem Medizinstudium noch zehn bis 15 Jahre, bis ein Chirurg die notwendige fachliche Expertise erarbeitet hat.“

Blaßnig und Krumpholz, auch Sprecherin der Spitalsärzte, fordern deshalb von der Krankenhausbetriebsgesellschaft (KHBG) eine verantwortungsvolle und vorausschauende Personalplanung. Mit kurzfristiger Überbesetzung der Ausbildungsstellen und verbesserter Lehre an den Spitälern soll gegengesteuert werden. Ihr konkreter Vorschlag dazu: Die Basisausbildung aus dem Stellenplan herauszunehmen und eine zentral koordinierte landesweite Rotation zu ermöglichen. „In anderen Ländern werden Ärztepensionisten mit 1,8 bis 2,4 Stellen in der Planung nachbesetzt“, ergänzt Hermann Blaßnig.

Vor ein paar Jahren konnten Jungmediziner nach dem Studium ihren Ausbildungsplatz wählen, heute werden sie mit Wartelisten vertröstet. So erging es auch Luca Galastroni. Er bewarb sich im Oktober 2018 an drei Krankenhäusern, hätte jedoch ein halbes Jahr warten müssen. „Zum Glück hat es aber schon im Jänner geklappt“, erzählt er. Sonst wäre auch er weg gewesen. Michael Baier begann seine Ausbildung 2015 am LKH Bludenz. „Damals konnte man es sich aussuchen“, sagt er. Dann habe sich die Situation gewandelt. „Es wird viel getan“, räumt Baier ein. Es mangle aber an Perspektiven für Jungärzte. Das betreffe auch die Facharztausbildung. „Haben sie keine Möglichkeit, sich zu beweisen, gehen eben viele wieder.“

Geänderte Bedürfnisse

Primaria Ruth Krumpholz berichtet von einer starken Überalterung bei den Anästhesisten im LKH Bludenz. Von zwölf gehen demnach heuer drei in Pension. „Sie waren alle 120 Prozent angestellt.“ Das ist auch ein Thema, das unter den Nägeln brennt. „Die jungen Ärztinnen und Ärzte haben andere Bedürfnisse. Sie nutzen Teilzeitoptionen und arbeiten lieber 80 als 120 Prozent“, erklärt Michael Baier. Auch Karenzzeiten werden oft von beiden Elternteilen genutzt. Das begünstigt den Mangel zusätzlich. Umso wichtiger sei es, die Arbeit für Jungärzte attraktiver zu machen. „Sie sollen nicht Abteilungen als Systemerhalter bedienen“, wird Krumpholz deutlich.

Statements

Ärztekammervizepräsident Hermann Blaßnig.
Ärztekammervizepräsident Hermann Blaßnig.

Wir befinden uns mitten in einer Pensionierungswelle, und jetzt kommt die Abweisung von Jungärzten mit Hinweis auf Wartelisten dazu. Es ist nur so, dass niemand wartet, sondern woanders hingeht. Diese Dramatik ist offenbar bei der KHBG noch nicht angekommen. Es benötigt rasch neue Modelle, die sich den geänderten Bedürfnissen anpassen. Wir brauchen Anmeldungslisten mit Stellenangeboten anstatt Wartelisten. Hermann Blaßnig, Ärztekammervizepräsident

Primaria Ruth Krumpholz, LKH Bludenz.
Primaria Ruth Krumpholz, LKH Bludenz.

Eine Warteliste gibt es nur theoretisch, denn Jungärzte, die in Vorarlberg keine Basisausbildung bekommen, sind gleich weg. Sie warten nicht, sondern gehen dorthin, wo sie einen Ausbildungsplatz erhalten. Wir müssen junge Leute für die Spitalsarbeit begeistern. Eine Möglichkeit wäre, die Basisausbildung aus dem Dienststellenplan herauszunehmen. So könnten sie im ersten Jahr lernen und müssten nicht als Systemerhalter gesehen werden. Ruth Krumpholz, Chefärztin LKH Bludenz

Michael Baier, Spitalsarzt.
Michael Baier, Spitalsarzt.

Die aktuelle Situation ist tatsächlich paradox: Wir haben zu wenig Stellen für Jungärzte, die KHGB investieren jedoch viel in Werbung und Rekrutingaktivitäten. Die Bedürfnisse der jungen Ärzte haben sich jedoch geändert. Viele nützen Teilzeitoptionen nach dem Motto lieber 80 Prozent als 120 Prozent. Das trägt natürlich zum Ärztemangel bei. Was fehlt, sind Perspektiven für Jungärzte. Sind die nicht gegeben, gehen viele weg. Michael Baier, Spitalsarzt

Luca Galastroni, Arzt in Ausbildung.
Luca Galastroni, Arzt in Ausbildung.

Ich habe mich im Oktober 2018 in Dornbirn, Hohenems und Bregenz beworben. Ich hätte ein halbes Jahr warten müssen, hatte aber das Glück, dass es dann doch im Jänner mit einer Stelle in LKH Hohenems geklappt hat. Würde man das Basisjahr aus dem Stellenplan herausnehmen, hätte man mehr Zeit für die Lehre. Je nachdem, wie die Lehre in einer Abteilung gelebt wird, entscheidet sich auch das Interesse für ein Fach. Luca Galastroni, Arzt in Ausbildung

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