Eine etwas andere Normalität

Vorarlberg / 01.04.2022 • 19:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Renate Vogel (r.) im Gespräch mit Roland und Ulli Thurnher-Beer.
Renate Vogel (r.) im Gespräch mit Roland und Ulli Thurnher-Beer.

Paul (16) ist Autist. Seine Geschichte zum heutigen Welt-Autismus-Tag.

Dornbirn Dunkles Haar, strahlendes Lächeln: Paul ist ein hübscher Bub. „Das sagen alle“, bestätigt seine Mutter, Ulli Thurnher-Beer, meine spontane Reaktion, die sich beim Betrachten des Fotos einstellt. Liebevoller Stolz spricht aus ihren Worten. Das Bild zeigt den 16-Jährigen mit seinen älteren Geschwistern Anton (20) und Katharina (19). Es vermittelt ungetrübte Normalität, doch davon ist die Familie weit entfernt, denn Paul leidet an Autismus. Diese Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung, deren Ursache immer noch erforscht wird, ist bei ihm besonders stark ausgeprägt. Paul kann nicht sprechen und braucht rund um die Uhr Betreuung und Begleitung. „Jeder Tag bedeutet eine Herausforderung“, räumen seine Eltern, Ulli und Roland Thurnher-Beer, freimütig ein. Bewältigt wird sie mit Unterstützung von außen und aus dem eigenen sozialen Umfeld.

Vollendete Tatsachen

Nichts deutete bei der Geburt auf ein Handicap hin. Paul entwickelte sich ganz normal, bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Dann änderte sich alles. Immer wieder stellte die Mutter fest, dass ihr Sohn in der Entwicklung hinter gleichaltrigen Kindern war. „Vielleicht ist er einfach ein bisschen langsamer“, hat sie sich selbst beruhigt. Als der Kleine jedoch anfing, wunderliche Dinge zu machen, kamen ihr Zweifel. Verließ der Vater das Haus, begann Paul wie am Spieß zu brüllen und beruhigte sich erst, wenn ihn die Mutter in den Kinderwagen setzte und spazieren ging. Eine Abklärung beim Kinderarzt brachte keine Antworten. Nach einer Entwicklungsdiagnostik fiel schließlich zum ersten Mal das Wort „Autismus“, und Roland und Ulli standen vor vollendeten Tatsachen: „Wie wir zu finanzieller Unterstützung kommen, konnte uns jeder sagen, aber nicht, was wir für Paul tun können.“ Die Belastungen wuchsen. Dann hörte Ulli Thurnher-Beer von Renate Vogel: „Sie war unsere Rettung. Endlich konnte uns jemand sagen, wie wir mit Paul umgehen können. Bis dahin hatten wir ein schreiendes Kind zu Hause.“

Kampf gegen Vorurteile

Renate Vogel engagiert sich schon Jahrzehnte in der Autistenhilfe und im gleichnamigen Verein. Trotz intensiver Anstrengungen sind Verbesserungen für autistische Menschen nur schwer zu erreichen. „Unseren Kindern sieht man ihre Behinderung nicht an“, berichtet Vogel von noch immer bestehenden Vorurteilen, denn Autisten fallen zwar auch auf, aber anders. Paul etwa gibt, wie es seine Mutter formuliert, „komische Laute“ von sich. Die Blicke, die Ulli und Roland dafür häufig ernten, sind immer noch schwer zu ertragen. Doch sie stehen zu ihrem Kind. Inzwischen besucht Paul eine Sonderschule. „Er geht gerne dorthin“, sagt die Mutter, der es damit auch wieder möglich ist, ihrem Beruf als Lehrerin wenigstens zu 50 Prozent nachzukommen.

Trotz aller Probleme ist es ihnen wichtig, den Jüngsten am Leben teilhaben zu lassen. Skifahren, Radfahren – Paul beherrscht beides, aber: „Es war ein langer Weg“, flicht die Mutter ein. Renate Vogel setzt sich indes weiter für die Bedürfnisse von Autisten und ihren Angehörigen ein. „Wir möchten Verständnis und Toleranz erreichen und Wissen vermitteln.“ Was es noch braucht: mehr Therapie- und Arbeitsplätze sowie Wohnmöglichkeiten. VN-MM

Katharina und Anton (r.) sind aus dem Haus, aber jeder Besuch der Geschwister ist für Paul eine große Freude. VN/Paulitsch
Katharina und Anton (r.) sind aus dem Haus, aber jeder Besuch der Geschwister ist für Paul eine große Freude. VN/Paulitsch

Autistenhilfe Vorarlberg, E-Mail: info@autistenhilfe-vorarlberg.at

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.