Geh her!

Vorarlberg / 01.04.2022 • 21:06 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Pfarrer Ronald Stefani, Pfarre Levis und Altenstadt.KKV/Dietmar Mathis
Pfarrer Ronald Stefani, Pfarre Levis und Altenstadt.KKV/Dietmar Mathis

„Geh!“, sagt Jesus zu der Frau im morgigen Sonntagsevangelium (Joh 8,1-11). Und das war vermutlich das Schönste, was er ihr in dieser Situation sagen konnte: „Du kannst gehen! Die Hinrichtung findet nicht statt, steh auf und geh wieder!“ Jesus meißelte ihre Sünde nicht in Stein, sondern schrieb sie in den Sand. Und er traut ihr zu, dass sie von jetzt an das Richtige tun wird: „Du wirst nicht mehr sündigen.“

Als Jesus zu dieser Frau sagte „Geh!“, da war dieses Wort eine Erlösung. Sein ganzes Mitgefühl, Barmherzigkeit und Verständnis schwingen da mit. Ihr wird dieses Wort von jemandem gesagt, der es gut mit ihr meint. – „Geh! Steh auf und geh wieder!“

Ich kann mir vorstellen, dass diese Frau das gleiche Wort auch vorher gehört hat, von denen, die sie sogar auf frischer Tat ertappt haben – jedoch in einem ganz anderen Ton: „Hopp, hopp! Geh vor die Tore der Stadt! Beweg dich, wir werden dir zeigen, was man mit Ehebrecherinnen macht!“ – Ein „Geh!“ voller Verachtung, Überheblichkeit, Vorwurf und Verurteilung: Schließlich wurde die Frau ertappt und das muss bestraft werden. Sowas kann eine ehrenwerte Gesellschaft doch nicht dulden. Wer so etwas tut und damit den Ruf einer Gemeinde beschmutzt, der hat keinen Platz mehr in ihr. Also: „Geh! Hinaus mit dir …!“

Härte und Unbarmherzigkeit anderen gegenüber sagen ja noch lange nichts aus über die eigene Fehlerlosigkeit. Jesus hat sie alle durchschaut und entlarvt. Alle, die nun mit Steinen in der Hand um diese Frau herumstanden:

» Den Nachbarn, der sie und ihren Liebhaber auf frischer Tat ertappt hat, und vielleicht insgeheim ein Spanner war.

» Vielleicht war da auch der angesehene Geschäftsmann, der nun mit seinem Stein dastand; der es zu Ansehen gebracht hatte, weil Ansehen schon damals mit Einkommen Hand in Hand ging; und sein Einkommen stieg schließlich mit jeder Bilanz, die er fälschte und mit jeder weiteren Kraft, die er unter Tarif entlohnte und der er die Sozialleistungen kürzte…

» Oder der politische und religiöse Würdenträger, der seinen Stein in Händen hielt, bereit zu werfen, nachdem er immer schon über Leichen ging, eine Klinke nach der anderen putzte und alles gesagt hatte, nur nie was er dachte, um die Erfolgsleiter hochzusteigen . . .

Nein, nicht deshalb trieben sie diese Frau vor die Stadt, weil sie angewidert waren von der Schlechtigkeit ihrer Tat, weil ihr Sinn für Gerechtigkeit aufs Tiefste verletzt wurde.

Sie trieben sie hinaus, weil jeder nach außen hin Härte demonstrieren musste, um eigene Unzulänglichkeiten zu verbergen. Wer seinen „Heiligenschein“ mit dem Fingerzeig auf andere auf Hochglanz bringen will, der kann sich eines nicht leisten: Barmherzigkeit und Gerechtigkeit.

Und wir heute?

Wie würden wir das Wörtchen „Geh!“ dieser Frau gegenüber aussprechen? Steine würden wir wohl keine werfen, das ist klar. Aber sind die Blicke, die wir manchmal werfen viel besser? Verletzen die Zeigefinger, mit denen wir auf „die da“ deuten viel weniger? Oder das Gerede hinter dem Rücken anderer, das Tuscheln und Hetzen, das Mobben und die Sündenbockjagd und Schwarz-Weiß-Malerei? Nein, wir steinigen nicht mehr, aber sagen und zeigen nicht weniger deutlich: „Geh! Geh weg von uns, das ist besser…“. Als ob wir besser wären, weil wir besser scheinen, wenn unser Vergehen und Versagen nicht öffentlich wird. Solange dieses Denken herrscht, solange ich in dieser Gesellschaft nur bestehen kann, wenn ich meine Fehler verstecken muss; solange auch die Kirche nicht deutlicher zu eigenen Vergehen und Fehlern steht, dürfen wir uns wohl nicht wundern, dass alle, die Jesus damals gerufen hat, die in ihrem Leben schon einmal gescheitert sind – dass sie alle in unseren Gemeinden nur schwer oder sogar keine Heimat finden…

„Komm, geh her zu uns!“

Mir ist eingefallen, dass in manchen Gegenden das Wörtchen „Geh!“ einen ganz einladenden Klang hat: Nicht „Geh weg!“, sondern „Geh her!“ – Also: „Komm her, komm zu uns!“ Das möchte ich allen zurufen:

» den Wiederverheiratet-Geschiedenen,

» den Alleinerziehenden,

» denen, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung abgestempelt fühlen,

» allen, die ihre Arbeit verloren haben,

» allen die von anderen keines Blickes gewürdigt werden,

» allen, die meinen sie hätten warum auch immer keinen Platz in unseren Gemeinden,

» allen, deren Lebenspläne sich durch eigene oder fremde Schuld in Luft aufgelöst haben,

» allen, die schon Scheitern, Versagen und Untergang erleben mussten…

„Komm, geh her zu uns! – Wir sind nicht besser als du, wir alle wissen uns auf die eine oder andere Weise auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen. Darum sind wir ja auch da, in der Kirche: Nicht weil wir so super sind, sondern weil wir angewiesen sind. Und darum hast auch du deinen Platz bei uns!“ Und vielleicht treffe ich die nächsten Tage jemanden, dem ich genau das zeigen und sagen kann!

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