Gemeinsame Liste und eigene Personalpolitik

Vorarlberg / 01.04.2022 • 22:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
V. l.: Der zurückgetretene WB-Direktor Jürgen Kessler, Wirtschaftskammer-General und NR Karlheinz Kopf und der langjährige WB-Direktor Walter Natter. KHK
V. l.: Der zurückgetretene WB-Direktor Jürgen Kessler, Wirtschaftskammer-General und NR Karlheinz Kopf und der langjährige WB-Direktor Walter Natter. KHK

Selbstbewusster ÖVP-Bund mit starkem Eigenleben.

Feldkirch Der Wirtschaftsbund Vorarlberg war und ist mit den anderen ÖVP-Bünden nur schwer zu vergleichen. Seit Jahrzehnten fuhr die Unternehmerorganisation einen eigenen Kurs, ließ sich von der Mutterpartei wenig bis gar nichts sagen, schließlich hatte man, wie jetzt ganz offensichtlich wurde, zwar nicht alle, aber wichtige Unternehmer hinter sich, die der Mutterpartei  – als Parteispenden noch nicht im Fokus der Öffentlichkeit standen – wichtige Mittel für Wahlkämpfe und die politische Arbeit zur Verfügung stellten. Dafür mussten auch gewichtige Parteigranden und Obleute oft und mit Zorn im Bauch Alleingänge absegnen. Dem Wirtschaftsbund in Vorarlberg ist es sehr lange gelungen, in der Wirtschaftskammer eine gemeinsame Liste mit den Unternehmer-Organisationen der FPÖ und SPÖ zu erstellen, und alle drei Organisationen im Proporz mit Funktionären zu besetzen. Erst mit dem Antreten der Grünen Wirtschaft und später nach einer Spaltung des Sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes, fanden in mehreren, aber lange nicht allen, Fachgruppen Wahlkämpfe statt. Die Wahlgemeinschaft hielt auch noch, als auch in der Bundeswirtschaftskammer Kritik daran laut wurde. An den Machtverhältnissen in der Unternehmervertretung hat das indes wenig geändert.

Damit war Ruhe in einem wichtigen gesellschaftlichen Bereich – und das war auch im Sinne der Landes-ÖVP. Dass diese Ruhe nicht immer harmonisch hergestellt wurde, davon berichten jetzt vor allem ehemalige Funktionäre wie Christoph Hinteregger die zu spüren bekamen, wenn sie abweichende Standpunkte vertraten. Als Hinteregger im Gespräch als Nachfolger von Kuno Riedmann als Präsident war, und der damalige Kammerdirektor Peter Kircher dazu nicht von vorherein Distanz signalisierte, war es auch um seine Karriere als Direktor geschehen. Der damalige Wirtschaftsbund-Direktor Walter Natter hatte nicht nur einen straffen Kurs im Wirtschaftsbund gefahren, er war (und ist es wahrscheinlich auch heute), ein Mensch, der politisch denken kann wie wenige und dieses Talent auch einsetzte. Nicht nur einmal sorgte er für Tatsachen bei Postenbesetzungen in der Landesregierung. Er war es auch, der dem heutigen Landeshauptmann die erste Kandidatur für den Landtag ermöglichte, er hievte Manfred Rein ebenso wie Karlheinz Rüdisser auf den Posten des Wirtschaftslandesrates und verunsicherte mit einer Rüdisser-Kampagne Wallner, als das Verhältnis nicht mehr so gut war. Wirtschaftsbündler, die im Bund Karriere machten, wie Karlheinz Kopf oder Magnus Brunner kommen aus dem Vorarlberger WB-Stall.

Mit seinem Nachfolger als Direktor, Jürgen Kessler, verhält es sich anders. Er tut und tat sich schwer, verlässliche Netzwerke zu bilden, in Kammerangelegenheiten ging er eher mit dem Dampfhammer ans Werk, wie dort zu hören ist. Statt die politischen Gepflogenheiten der Zeit anzupassen, hat er auf früher gehandhabte Methoden gesetzt, die damals akzeptiert wurden, aber heute nicht mehr taugen. Politiker haben heute nicht mehr die Macht, selbstherrlich zu entscheiden. Diesen Zug hat er verpasst. Genauso wie den Abgang aus dieser Tätigkeit nach den ersten Vorwürfen im vergangenen Jahr. 

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