Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Die Eisenbahn

Vorarlberg / 05.04.2022 • 19:11 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Im Krieg fuhr die überfüllte Eisenbahn bis nach Kiew. Es war noch die verlässlichste Art der Fortbewegung. So viele Menschen saßen in den Waggons, kaum, dass sich ein Knochenmann hätte dazwischen zwängen können. Der Zugführer und die Zugbegleiter waren tapfere Männer, die fest an den Sieg glaubten. Es gab jedoch manchmal Schwierigkeiten, weil die Feinde die Geleise bombardiert hatten. Die Eisenbahn fuhr nur in der Nacht, und nur wenige notwendige Lichter brannten.

Zur Hauptsache saßen Frauen mit Kindern im Zug, die Männer mussten das Land verteidigen. Die Frauen beteten und hatten ihren Männern Kerzen mitgegeben, die sollten sie vor dem Schlafengehen anzünden und an ihre Familien denken. Beten wäre von Vorteil.

Zwei kleine Mädchen, die sich nicht kannten, saßen auf fremden Knien und unterhielten sich.

Alina und Daria. Alina fand die Mütze von Daria so schön weich wie ein junges Kätzchen. Sie zog sie Daria vom Kopf und hielt sie sich an die Wange:

„Komm tauschen wir“, sagte sie, und Daria zog ihr die blaue Mütze über die Haare.

„Und auch deinen Mantel“, fand Alina, „könnten wir tauschen, deiner ist so schön rot.“

Also zog ihn Daria aus und Alina den ihren, den blauen, und sie tauschten.

„Deine Handschuhe“, meinte Alina weiter, „gib mir deine Fäustlinge, ich geb dir meine mit den Fingern, von Babuschka gestrickt, rosarot.“

Als sich Alina ihr blaues Kleid mit dem Matrosenkragen über den Kopf zog und betonte, das sei aber ihr Lieblingskleid, freute sich Daria und schlüpfte aus ihren Jeans und gab sie Alina.

„Jetzt ist aber Schluss mit Ausziehen“, sagte Babutschka, „wir sind ja hier nicht in einer Modekabine.“

Die Ohrringe, katzengoldene, wurden noch getauscht, die Halsketten mit den Schutzengeln, die Stiefel, die an den Spitzen schwarz vor Nässe waren.

„Und wann geben wir uns die Sachen wieder zurück?“, fragte Daria, der es um ihr katzenweiches Käppchen schon leid tat.

„Wenn wir uns wieder sehen, wenn wir den Krieg gewonnen haben.“

„Und wenn wir den Krieg nicht gewonnen haben, was dann?“, fragte Daria

„Dann sind wir tot“, sagte Alina, „und die Retter ziehen uns aus der Eisenbahn.“

Das sind doch keine Retter, wenn wir nicht mehr gerettet werden konnten.“

„Dann werden sie uns in eine Grube werfen, und man wird uns vergessen.“

„Aber wir werden den Krieg gewinnen“, sagte der Zugbegleiter. „Wir werden siegen und Frühling wird sein oder Sommer, und ihr werdet Blumenkränze in euren Haaren tragen. Köstlichkeiten werden serviert werden. Die Männer werden glückliche Räusche haben.“

„Und“, sagte Babutschka, „ihr werdet mit Orden dekoriert, man wird euch in der Zeitung sehen und im Fernsehen, ihr werdet unsere Helden sein!“

„Zur Hauptsache saßen Frauen mit Kindern im Zug, die Männer mussten das Land verteidigen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.

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