Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Sich freistrampeln

Vorarlberg / 06.04.2022 • 06:30 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Es lohnt nicht mehr. Wie oft bleibt ein Achselzucken die einzige Antwort? Das Bügeleisen, der Toaster, das Handy landen im Müll. Die Reparatur wäre viel zu kostspielig. Das ist auch nicht weiter schlimm. Es gibt ja alles neu. „Um den Preis könnte man das gar nicht reparieren“, sagt der Händler dann begütigend. Aber das soll nun aufhören. Die EU, die sich angesichts des unsäglichen Grauens in der Ukraine eben unter Schmerzen neu erfindet, stellt von der Öffentlichkeit fast unbemerkt die Weichen für ein Recht auf Reparatur.

Nur ein weiteres Papier aus Brüssel, das der Markt geschickt umgehen wird? Vielleicht aber auch ein Schritt aus einer großen Abhängigkeit. Viele Zwänge quälen uns dieser Tage. Wir würden uns russisches Öl und Gas gerne verkneifen und trauen uns nicht. Wir möchten uns befreien von den Ängsten, die mit den Nachrichtenbildern unter die Haut kriechen, und können es nicht. Jeder dritte Verbraucher in der EU wollte sich von der Pflicht befreien, immer gleich Neues kaufen zu müssen. Das soll bald gehen. Ist es wichtig? Ja, weil die Dinge, wenn sie aufhören, beliebig austauschbar zu sein, plötzlich wieder alte Qualitäten entwickeln. Die Dinge und die Menschen auch.

Kennen Sie das noch, dieses Qualitätsurteil aus alten Zeiten? „Das hält ewig!“ Wenn das die Sollbruchstellen ablöst, die uns in immer kürzeren Abständen zu Käufen zwingen, verringert das den Konsumwahn beträchtlich und lässt die Achtsamkeit wieder wachsen. Dann finden wir vielleicht auch den Mut, uns von der nächsten Abhängigkeit frei zu strampeln, und von der übernächsten . . .

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