Wie ein Arzt in Andelsbuch zum Sprachrohr der Impfkritiker wurde

Vorarlberg / 06.04.2022 • 19:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Dorfarzt war gleichzeitig Tourimuspionier im Bregenzerwald. Eine Erfolgsgeschichte war sein Hotel allerdings nicht.<span class="copyright">volare-VLB</span>
Der Dorfarzt war gleichzeitig Tourimuspionier im Bregenzerwald. Eine Erfolgsgeschichte war sein Hotel allerdings nicht.volare-VLB

Dr. Michael König legte sich gegen die Pockenimpfung quer.

Von Georg Sutterlüty

Andelsbuch Die Aufregung in Andelsbuch war groß, als Anfang Juli 1885 der Bregenzer Bezirksarzt Jodok Bär ankündigte, die Pockenschutzimpfung würde demnächst bei allen Kindern in der Gemeinde vorgenommen werden. Seit über 16 Jahren habe der Ort keinen Impfarzt mehr gesehen, beklagte sich Bär beim Gemeindevorsteher Georg Wipper, doch zweifellos seien die Pocken wieder im Vormarsch und rechten Schutz biete nur die Vakzination.

Letzteres allerdings wollten die Andelsbucher nicht so recht glauben. Ihr Gemeindearzt, Dr. Michael König, vertrat eine völlig konträre Meinung. Bereits 1868 hatte er dem Vorarlberger Landtag ein Schreiben vorgelegt, in dem er die Impfung „als dem Gesundheitswohle der Menschheit verderbenbringend“ bezeichnet hatte. Deshalb seine Aufforderung, sie müsse sofort verboten werden.

Michael König galt im 19. Jahrhundert als das lauteste Sprachrohr der Impfkritiker. Die Sache war ihm so wichtig, dass er sogar die Gründung eines Impfgegnervereins vorantrieb. Geboren 1829 in Fußach, studierte er um die Jahrhundertmitte in Wien und Prag Medizin. Nach ein paar Dienstjahren in Sulzberg wechselte er 1861 als Gemeindearzt nach Andelsbuch, wo er bis zu seinem Tod 1899 dieses Amt bekleiden sollte. König gehörte zu der Ärztegeneration der berühmten „2. Wiener Medizinischen Schule“. In den Lehrplänen fanden sich zusehends naturwissenschaftliche Fächer, die die aus der Antike stammenden humoralmedizinischen Erklärungsmodelle endgültig an den Rand drängten. Doch König konnte sich mit der modernen Schulmedizin nicht so recht anfreunden. Er näherte sich der Homöopathie und erwärmte sich sehr für die Wasserkuren des Sebastian Kneipp. Mit dem „Wasserdoktor“ unterhielt er sogar freundschaftliche Beziehungen.

Tourismuspionier

Wie so viele andere Ärzte jener Zeit betätigte sich auch König in anderen Gebieten. Unter anderem darf er heute im Bregenzerwald als Tourismus-Pionier bezeichnet werden. Das von ihm 1872 erbaute Hotel, das gleich seinen Namen trug, dürfte eines der ersten in dieser Größe und Ausstattung im Tal gewesen sein. Es verfügte sogar über eine eigene Telegraphenanlage. Doch der von ihm erhoffte Zustrom an Sommerfrischlern blieb aus, das Hotel schrieb stets tiefrote Zahlen.

Und wie endete die Impfangelegenheit in Andelsbuch? König lieferte sich mit Bär einen medialen Schlagabtausch, der im ganzen Land mit großem Interesse verfolgt wurde. Der Bezirksarzt fürchtete sogar, es könnte die Stimmung für die Impfung kippen.

Er ließ den Gemeindearzt heimlich bespitzeln. Doch König war vorsichtig genug, hinterließ kein belastendes Material. Er ließ sich zwar weiterhin nicht den Mund verbieten, aber die Impfung der Andelsbucher Kinder konnte er auch nicht verhindern.

Gemeindearzt König lehnte die Pockenimpfung ab.<span class="copyright">Gottfried Winkel</span>
Gemeindearzt König lehnte die Pockenimpfung ab.Gottfried Winkel

Vortragsreihe

Im Rahmen einer Vortragsreihe über die Medizingeschichte des Bregenzerwaldes, organisiert von der „Werkstatt Geschichte“, hält Georg Sutterlüty einen Vortrag über das Leben des Dr. Michael König. Am selben Abend referiert zudem der Historiker Wolfgang Weber über die Spanische Grippe im Bregenzerwald (1918-1920). Die Veranstaltung findet am 12. April 2022, um 19.30 Uhr, im Andelsbucher Rathaussaal statt. Nähere Infos unter: www.werkstattt-geschichte.at

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