Mariupol als ein zweites Grosny

Vorarlberg / 07.04.2022 • 22:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Experte sieht große Ähnlichkeiten zu anderen russischen Konflikten.
Der Experte sieht große Ähnlichkeiten zu anderen russischen Konflikten.

In der Landesverteidigungsakademie des Bundesheers beobachtet man den Ukraine-Krieg genau.

Schwarzach, wiener neustadt Ukraine-Experte und Oberst des Generalstabsdienstes Berthold Sandtner gab in Vorarlberg LIVE einen Einblick zum weiteren Kriegsverlauf und was man über die Massaker in Butscha wirklich weiß.

 

Welche Szenarien gibt es für den weiteren Kriegsverlauf?

Sandtner Nun sind wir in einer Phase der Neuorganisation, wenn nicht des Stillstands angekommen. Der Ansatz, die Ukraine insgesamt zu umfassen und einzunehmen, gerade der Ansatz auf Kiew, ist eindeutig gescheitert. Was wir gerade beobachten, ist der Rückzug über Weißrussland in einen neuen Verfügungsraum etwa auf Höhe Charkiw, um dort für einen neuen massierten Angriff zur sogenannten Befreiung der Ukraine bereitzustehen.

 

Was bedeutet das für die ukrainische Bevölkerung?

Sandtner In den Bereichen, in denen die russischen Kräfte abzogen und die Bevölkerung sehr gelitten hat, bedeutet es eine gewisse Entlastung. In den neuen Schwergewichtsbereichen sehe ich vermehrtes Leid auf die Bevölkerung zukommen. Nicht zu vergessen Mariupol, eine komplett zerstörte Stadt mit immer noch bis zu 160.000 eingeschlossenen Zivilisten.

 

Wie stark sind die beiden Armeen noch?

Sandtner Das ist sehr schwer zu sagen, weil uns insbesondere eine klare Sicht auf die Stärke der ukrainischen Truppen fehlt. Die russischen Truppen haben vor allem im Raum Kiew massivste Verluste erlitten. Es wurden ganze Einheiten aufgerieben und vernichtet. Man kann aber davon ausgehen, dass gerade ukrainische Kräfte im Osten stark gelitten haben und vor allem schweres Material verloren wurde.

 

Wie schwierig ist es, Gräuel wie Butscha zu verifizieren?

Sandtner Es war von Anfang an ein Krieg um und mit Informationen. Gerade was aber die Vorkommnisse im Großraum Kiew betrifft, ist die Indizienkette sehr eindeutig, dass es hier zu Übergriffen russischer Kräfte gekommen sein dürfte. Hier gibt es mehrere Begründungen, unter anderem einen Kontrollverlust der Kommandanten, gepaart mit einer abschwächenden Moral der Soldaten.

 

Welche Rolle spielt in diesem Bereich die russische Propaganda?

Sandtner Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen, die Entmenschlichung. Wir hören seit langem, die Ukraine hat keine Existenzberechtigung, die Ukrainer sind Nazis, wir wollen diesen Staat entnazifizieren, das sind ja keine Menschen. Dieses Beeinflussen der eigenen Soldaten, indem man den Gegner entmenschlicht, ist ein gezieltes Vorgehen, den Soldaten Hemmungen zu nehmen, Ukrainer zu töten.

 

Unterscheidet sich dieser Krieg von anderen russischen Konflikten?

Sandtner Der Anfang des Krieges war die Idee des schnellen Sieges. Inzwischen haben wir in diesem Abnützungskrieg ähnliche Muster wie in Syrien oder dem zweiten Tschetschenienkrieg. Wenn man Mariupol betrachtet, könnte man von der gezielten Auslöschung einer Stadt sprechen.

 

Wie wahrscheinlich ist, dass Russland den Kampf ausdehnt?

SaNDtner Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass sich Russlands militärische Möglichkeiten im Kampf um die Ukraine erschöpft haben. Inwiefern Machtfantasien im Kreml diesen Gedanken noch weitersäen, ist schwer abzuschätzen.

Ein Satellitenbild des Hafens von Mariupol. Die Stadt erlebe eine Vernichtung vergleichbar mit Grosny in Tschetschenien. AP
Ein Satellitenbild des Hafens von Mariupol. Die Stadt erlebe eine Vernichtung vergleichbar mit Grosny in Tschetschenien. AP

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.