Liberaler Politiker im Wiener Gemeinderat

Vorarlberg / 08.04.2022 • 16:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Malwine und Lucian Brunner um 1885.JMH
Malwine und Lucian Brunner um 1885.JMH

Lucian Brunner wirkte außerdem als Bankier und Industrieller.

Hohenems Die Biografienreihe der VN-Heimat und des Jüdischen Museums Hohenems blickt diese Woche auf die Geschichte Lucian Brunners, der am 29. September 1850 als Sohn des Kaufmanns und Manufakturhändlers Marco Brunner und dessen Gattin Regina Brettauer in Hohenems zur Welt kam. Im Jahr seiner Geburt gründete sein Vater mit dessen Bruder Jacob jenes Bankhaus im schweizerischen St. Gallen, in dem Lucian später selbst erste Berufserfahrungen sammeln sollte.

Zwischen St. Gallen und Wien

1883 trat Lucian Brunner als Kompagnon in die St. Galler Privatbank ein, gründete aber auch bereits drei Jahre darauf in Wien die Bank „Lucian Brunner EFa“, die sich vordergründig mit Vermögensverwaltung beschäftigte. Zuvor hatte er dort im April 1884 die aus dem mährischen Proßnitz (heute Prostějov) stammende Malvine Mandl geheiratet, mit der er in der Döblinger Billrothstraße 26 bald einen Familiensitz begründete. Von ihren insgesamt fünf Kindern brachte die um zehn Jahre jüngere Malvine allerdings vier in St. Gallen zur Welt.

Dieser Hinweis auf die hohe Reisetätigkeit der Familie lässt sich auch an ihrem Sterbeort, dem Sommersitz im steirischen Altaussee, ablesen, wo sie im Juli 1899 einige Wochen nach der Geburt ihres vierten Sohnes früh verstarb. Zu dieser Zeit gehörte Lucian Brunner bereits dem Wiener Gemeinderat an, in dem er zunächst jüdisch-demokratische und dann zunehmend jüdisch-nationale Standpunkte vertrat. Nach fünfjähriger Witwerschaft heiratete Brunner die geschiedene dreifache Mutter Hedwig Wachsmann.

Zahlreiche Ämter

Lucian Brunner bekleidete während seiner Karriere verschiedene Ämter, fungierte etwa als Verwaltungsrat der „Bozen – Meraner Bahn“ oder stand der „Internationalen Rückversicherungs-Aktiengesellschaft“ als Präsident vor. Politisch versuchte er sich zunächst in der kleinen Partei der „Wiener Demokraten“, dann als Obmann des „Demokratischen Zentralvereins“ sowie als Herausgeber der Zeitung „Volksstimme“. Ab 1899 war er als Beirat der „Österreichisch-Israelischen Union“ aktiv, für dessen Belange er sich während seiner von 1896 bis 1901 andauernden Zugehörigkeit zum Wiener Gemeinderat einzusetzen wusste. Dort engagierte sich Brunner zudem für eine moderate städtische Ausgabenpolitik und stellte sich gegen die wachsenden Nationalismen in der Habsburgermonarchie. So vertrat er hierbei die Ansicht, dass die deutsche Sprache vernünftigerweise als Verkehrssprache vorrangig zu behandeln sei, deshalb eine Abwertung der Minderheitensprachen aber keineswegs erfolgen dürfe. Außerdem verteidigte er etwa mit Nachdruck die Trennung von Kirche und Staat, was ihn zum Ziel antisemitischer Angriffe machte, die auch seiner Familie zusetzten. Brunner näherte sich in den darauffolgenden Jahren immer weiter zionistischen Ideen an und kandidierte für den „Jüdischen Nationalverein“ sowohl bei Wahlen für den niederösterreichischen Landtag 1910 als auch bei den Reichsratswahlen 1911, blieb jedoch ohne Mandatsgewinn.

Ideen für Hohenems

Neben seinen gesellschaftlichen Aktivitäten in Wien versuchte er in wirtschaftlichen Belangen stets den Kontakt mit seiner Heimatgemeinde Hohenems aufrechtzuerhalten und beteiligte sich an den Planungen mehrerer Bahnverbindungen in Vorarlberg. Die Pläne für ein Straßenbahnprojekt zwischen dem Hohenemser Bahnhof und der Rosenthal-Fabrik scheiterten jedoch und auch das Legat für eine überkonfessionelle Schule in Hohen­ems, welches er nach seinem Tod der Gemeinde hinterlassen hatte, wurde von dieser nicht angenommen. Lucian Brunner wurde am
19. April 1914 am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt. RAE

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