Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Noch ein Franz Michel

Vorarlberg / 08.04.2022 • 14:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der Kommentar des vergangenen Samstags hat erstaunlich heftige Reaktionen ausgelöst. Es ging darum, dass in Bregenz eine Straße und eine Station des Stadtbusses „Michl-Felder-Straße“ benannt sind, obwohl Vorarlbergs großer Dichter des 19. Jahrhunderts Franz Michael Felder heißt. Alle Meldungen, die mich erreicht haben, waren der Meinung, dass man die Straße umbenennen, also statt „Michl-Felder-Straße“ korrekt „Franz-Michael-Felder-Straße“ nennen müsse. Es gehe schließlich nicht an, gegen besseres Wissen eine Straße falsch zu bezeichnen. Eine Meinung, der ich mich natürlich gerne anschließe.

„Internationale Beachtung konnte Franz Michel Willam mit seinen Forschungen zum englischen Kardinal John Henry Newman erreichen.“

Allerdings gäbe es auch eine Möglichkeit, Franz Michel zu Ehren kommen zu lassen, nämlich Franz Michel Willam (1894 – 1981). Es handelt sich hier um einen Enkel von Franz Michael Felder, der – so erzählte er selbst – Franz Michel getauft worden sei, damit er nicht in Vergleich mit seinem bedeutenden Großvater gebracht werde. Willam war fast ein ganzes Leben lang Kaplan in Andelsbuch, dort nur der „Kaplau“ genannt, er war aber auch einer der ganz herausragenden Theologen des 20. Jahrhunderts. Doch er war nicht nur Theologe, er war Schriftsteller, Volkskundler und Forscher. Seine in der Zeitschrift „Montfort“ veröffentlichte Serie über das „Volk der Berge“ (Heft 3 und 4 von 1970) beschreibt die Drei-Stufen-Wirtschaft der Wälder Bauern in einer Art, die ich sonst nie so nahe, so treffend gelesen habe, sein Aufsatz über „Die Landschaft des Hinterwaldes“ (Heimat, Heft 1924) oder seine Novellen (etwa „Der Sonnensteg“ oder „Streit der Friedfertigen“) mit beschaulich-religiösem Charakter weisen ihn als kundigen und einfühlsamen Beobachter seiner näheren Heimat aus.

Sein größter Erfolg aber war sein 1933 erschienenes Buch „Das Leben Jesu im Land und Volke Israel“, mit dem er zehn Auflagen erreichte und das in elf Sprachen übersetzt wurde. Zum Vergleich: Bis zu Robert Schneiders Millionenerfolg „Schlafes Bruder“ war „Das Leben Jesu“ das erfolgreichste Buch eines Vorarlberger Autors. Sein nächstes großes Werk, „Das Leben Marias, der Mutter Jesu“, erreichte ähnlich große Aufmerksamkeit wie „Das Leben Jesu“. Internationale Beachtung konnte Franz Michel Willam mit seinen Forschungen zum englischen Kardinal John Henry Newman erreichen, mit denen er bei Newman-Kongressen wissenschaftliches Neuland betrat. Trotz solcher Erfolge wollte er im Leben nie mehr sein als der „Kaplau“ von Andelsbuch, wo er auch begraben liegt. Und um den Kreis zu schließen: Es wäre durchaus angebracht, auch Franz Michel Willam eine Straße zu widmen, womit wir Franz Michael und Franz Michel zu gerechtfertigen Ehren verholfen hätten. Egal in welcher Gemeinde im Land.

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.

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