Was kann da überhaupt noch helfen?

Vorarlberg / 08.04.2022 • 16:41 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Was kann da überhaupt noch helfen?

Bei den „Gedanken zum Sonntag“ möchte ich immer die Leser(innen) ermutigen und ihnen etwas Aufbauendes sagen. Momentan fällt mir das schwer wegen des Kriegswahnsinns in der Ukraine mit all dem menschlichen Elend und der sinnlosen Zerstörung. Und doch. Ich denke an ein Gedicht von Reinhold Schneider, der nur durch das Kriegende der Hinrichtung durch die Nazis entronnen ist: „Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen. Denn Täter werden nie den Himmel zwingen…“

Zu den Betern zähle ich alle, die ihr Herz, ihre Gedanken dem Geist Gottes öffnen und für die Absichten Jesu Raum schaffen. „Wir müssen den Wohnsitz Gottes in uns retten“, schreibt Etty Hillesum. Die Karwoche gibt dazu wertvolle Impulse.

Er kommt auf einem Esel,

nicht mit Panzern und Raketen. Er schlägt nicht zurück und lässt sich lieber in seiner Haltung „festnageln“. Er will keine Bewunderer, die ihm zujubeln, sondern Nachfolger, die bereit sind, seinen Weg mitzugehen. Die sich unter die Menschen mischen, an ihren Freuden und Sorgen Anteil nehmen, die das gute Miteinander fördern und die Friedensgedanken hegen. Als Christen gehören wir nicht einem „braven Verein“ an, sondern den mutigen Lebensförderern. Der Palmsonntag erinnert uns daran, dass Jesus auch in unser Leben „einziehen“ möchte. Die Palmblätter, die die Leute auf die Straße legten, zeigen, dass wir mit Jesus auf einen „grünen Zweig“ kommen. Im Blick auf ihn liegt Hoffnung in der Luft.

Solidarität und Spiritualität,

das sind die Grundhaltungen, die am Gründonnerstag aufleuchten. Der Abendmahlstisch reicht für alle Menschen. Jesus will mit uns Mahl halten, sogar mit einem Judas und mit all denen, die die Menschlichkeit verraten. Er solidarisiert sich mit uns. Er wäscht den Jüngern und damit auch uns die Füße, spült den Alltagsdreck weg, alle Boshaftigkeit und Engherzigkeit. Ein unheimlich starkes Bild. Sich bücken kann nur, wer ein Rückgrat hat, die anderen kriechen. Das ist die Haltung Jesu: Er ist gekommen, um zu dienen, nicht zu herrschen. Es ist ja pervers und erschreckend, wenn Putin das sinnlose Sterben russischer Soldaten religiös rechtfertigt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“. Auch Hitler bezog sich auf die Bibel und nannte die Juden „Kinder der Finsternis“. Das steht im Kontrast zur Spiritualität Jesu. Für mich ist auch unbegreiflich, dass sich der orthodoxe Patriarch nicht von Putins Krieg distanziert.

Der unendliche Karfreitag

Das Leiden aller Art und Sterben gehört zu unserem Leben dazu, denn es ist ein dauerndes Werden und schmerzliches Vergehen. Zudem haben wir die Freiheit, einander und auch der Schöpfung zu schaden. Es beschäftigt uns immer die Frage nach dem Warum aller schmerzlichen Erfahrungen. Die Deutung, dass das Elend der Welt, auch Krankheiten, eine Strafe Gottes sei, kann ich überhaupt nicht teilen, obwohl auch in der Bibel solche Erklärungen zu finden sind. Diese Vorstellung passt keineswegs zur Geschichte vom barmherzigen Vater. „Wo ist Gott?“, fragen wir oft. Er sitzt im Omnibus neben den flüchtenden Frauen und Kindern, liegt in den Massengräbern der Ukraine. Auch Jesus hat geschrien: „Mein Gott, warum…?“ Dennoch ließ er sich sterbend in die Hände des Vaters fallen.

Ohne Ostern ist alles trostlos

Gott holt uns heraus aus allen Gräbern, verspricht schon Jesaia. „Grab“, das ist nicht mehr weiter können, kein Licht sehen, eingezwängt sein. Aber, so die Botschaft der Bibel, Gott will nicht den Tod, sondern das Leben, gutes, erfülltes Leben, jetzt schon, und nicht erst, wenn wir gestorben sind. „Auferstehungen“ gibt es laufend: Jemand lächelt, auch mit Tränen in den Augen, jemand kämpft weiter, trotz der inneren Wunden, jemand lässt sich nicht verbittern, trotz der Enttäuschungen, jemand glaubt, trotz der inneren Leere, jemand ist zärtlich, trotz aller Härte des Alltags, jemand tanzt zum Tango des Lebens.

Die Begegnungen mit dem Auferstandenen zeigen, dass er nicht umzubringen ist. Das ist meine große Hoffnung, auch im Blick auf die Ukraine.

AP

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