Zwischen Jubel und Verrat

Vorarlberg / 09.04.2022 • 10:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Zwischen Jubel und Verrat
„Pysanky“ nennen die Ukrainer ihre kunstvoll bemalten Ostereier. Sie sind wahre Meisterwerke. Die Legende besagt zudem, dass die Welt solange bestehen bleibt und das Gute über das Böse triumphiert, solange ukrainische Frauen und Mädchen jedes Jahr Pysanky gestalten. Wunderschöne Beispiele, die Chefredakteur Jens Piske aus dem zentralukrainischen Dorf Sahunivka für uns fotografiert hat, begleiten deshalb die religiöse Berichterstattung der VN in der Karwoche, als Zeichen der Hoffnung, dass nicht der Tod die Oberhand behält.

Der Palmsonntag gleicht einer Hochschaubahn: Er feiert den Einzug Jesu in Jerusalem und erzählt die Geschichte seines Sterbens.

Ihre heiligste Woche eröffnen die christlichen Kirchen mit dem Palmsonntag. Nach kargen Jahren der Pandemie kehrt das Fest heuer in seiner ursprünglichen Form zurück: mit Prozessionen und Palmweihe. Selbst Papst Franziskus wird erstmals wieder auf dem Petersplatz Gottesdienst feiern.

Palmzweige wiegen im Wind, kunstvoll geflochtene Palmbuschen werden gesegnet, es ist ein fröhlicher Tag – der Familiengottesdienst schlechthin. Aber das kann nicht vergessen machen, dass ein schwerer Schatten auf diesem Frühjahr lastet. Auch für die Christen in der Ukraine ist Ostern das zentrale Fest. Aber statt Vorfreude auf Ostern und die Auferstehung erleben sie Tod, Leid und Vertreibung.

Osterwoche auf einen Blick

Der Palmsonntag trägt zwei Gesichter. In den festlich geschmückten Kirchen wird an diesem Tag ein ungewöhnlich langes Evangelium verlesen. Heuer erzählt der Evangelist Lukas darin das ganze Geschehen vom letzten Abendmahl über die Festnahme Jesu im Garten Getsemani, seine Verurteilung und Hinrichtung bis zur Beerdigung des geschundenen Leichnams.

So ist der Jubel noch kaum verhallt, da gibt der Palmsonntag schon den Blick frei auf eine Woche, die dramatischer nicht hätte verlaufen können. Aber er spart den eigentlichen Höhepunkt aus: Denn nach christlichem Verständnis findet die Geschichte des Jesus von Nazareth nicht ihr natürliches Ende mit seinem Tod am Kreuz.

Drei Tage nach diesem schicksalhaften Karfreitag schlägt die Bibel voller Erstaunen ein neues Kapitel auf: Der Tote ist auferstanden, auferweckt worden von Gott, seinem Vater. Er kehrt zurück – seltsam verändert – und führt den völlig verängstigten Jüngern so vor Augen, was er ihnen zu Lebzeiten schon erzählt hatte. Aber sie hatten ihn nicht verstanden. So schlägt die Geburtsstunde der christlichen Kirchen. Über der ganzen Karwoche indes prangt wie ein Leitmotiv der eine Satz: ohne Karfreitag kein Ostern.

Die Ereignisse der Karwoche vor 2000 Jahren

Aus den Texten des Neuen Testaments haben wir eine kleine Leseanleitung zusammengestellt. Wer keine Bibel besitzt, findet die Textstellen per Mausklick im Internet auf der Webseite der Universität Innsbruck unter https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel

Zwischen Jubel und Verrat
Das „Perikopenbuch von St. Erentrud“ entstand vor über 1000 Jahren, um 1149/50 in St. Peter in Salzburg. Die Handschrift untermalt mit 55 Miniaturen die einzelnen Abschnitte des Evangeliums (Perikopen), die im Gottesdienst feierlich verlesen wurden. Manche Darstellungen gehen auf byzantinische Vorlagen des 12. Jahrhunderts zurück. Aus dem Palmsonntag greift der Buchmaler den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem heraus: Die Menschen legen ihm ihre Gewänder zu Füßen. Meister des Perikopenbuches von St. Erentrud, Public domain, via Wikimedia Commons

Das also geschah in der Karwoche vor 2000 Jahren:

Palmsonntag. Nach dem Bericht aller vier Evangelien zieht Jesus feierlich in Jerusalem ein. Er reitet auf einem jungen Esel in die Stadt. Das Volk begrüßt ihn wie einen König. Die Menschen haben die Fremdherrschaft der Römer satt. Sie erwarten einen Anführer, der ihnen den Sieg bringen wird. (Markus 11,1-11).

Montag. Und es scheint ganz so, als brächte dieser Prediger aus Galiläa die Wende. Gleich nach seiner Ankunft peitscht er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. „Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein?“, schreit er sie an: „Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.“ Er provoziert die Priester. Sie würden ihn am liebsten töten. Aber noch fürchten sie seine Beliebtheit beim Volk (Markus 11,15-19).

Dienstag. Jesus lehrt im Tempel. Er stellt sich den Fragen der Schriftgelehrten, weicht geschickt aus und entwirft in gewaltigen Bildern noch einmal seine ganze Lehre und das bevorstehende Ende. Er spricht auch die beiden zentralen Gebote aus: „Du sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ Und „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ (Markus 12-13)

Mittwoch. Bei einem Essen im Haus eines Aussätzigen sagt Jesus seinen Tod voraus (Markus 14,3-9). Derweil kommt einer seiner zwölf engsten Gefolgsleute, Judas Iskariot, mit den führenden Priestern überein, Jesus für Geld zu verraten (Markus 14,10-11).

Gründonnerstag. Das letzte Abendmahl mit den zwölf Aposteln in Jerusalem. Danach nimmt Jesus die Jünger mit in den Garten Getsemani, um zu beten. Jesus wird verhaftet, nachdem Judas ihn mit einem Kuss verraten hat (Matthäus 26,17-56).

Karfreitag. Jesus wird vor die führenden Priester gebracht (Matthäus 26,57-68), danach vor den Hohen Rat, das oberste Gericht der Juden. Anschließend wird er Pontius Pilatus vorgeführt, der ihn zu Herodes zu einem Verhör schickt (Lukas 23,1-12). Pilatus fällt schließlich das Todesurteil. Jesus wird nach Golgota gebracht und gekreuzigt (Markus 15,21-41).

Karsamstag. Die kirchliche Tradition nennt ihn „Tag der Grabesruhe“. Sie betont damit, dass Jesu Tod am Kreuz kein Taschenspielertrick war. Er ist wirklich gestorben und „hinabgestiegen zu den Toten“. Das ist die Voraussetzung für die Auferstehung. Nach seinem Tod also wurde der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen und im Grab des Josef von Arimathäa, eines reichen Juden, beigesetzt (Markus 15,42-47).

Ostersonntag. Jüngerinnen von Jesus, die den Leichnam salben wollen, finden sein Grab leer vor und erfahren als Erste von der Auferstehung (vgl. Lukas 24,1-12). Die Jünger, denen sie von ihrem Erlebnis berichten, schenken ihnen keinen Glauben. Doch dann begegnen zwei von ihnen auf dem Weg zum nahe gelegenen Emmaus selbst dem auferstandenen Herrn (Lukas 24,13-35). In den folgenden Tagen begegnen auch die anderen Jünger dem Auferstandenen.

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