Der findige Maurer

Vorarlberg / 10.04.2022 • 11:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der findige Maurer
1895 trafen sich die vier Winkler-Brüder aus Thüringen zu einem gemeinsamen Fototermin in Zürich. Der einäugige Kaspar ist der Zweite von rechts. Sika AG, Baar

Kaspar Winkler (1872–1951) aus Thüringen.

Als die Schweizer Erben-Familie Burkard ihre Kontrollmehrheit am Baustoffkonzern Sika um knapp drei Milliarden Franken an die französische Saint-Gobain Gruppe verkaufte, provozierte sie einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Verwaltungsrat und den übrigen Aktionären, der erst 2019 beendet wurde. Damit war einer der bedeutendsten produzierenden Konzerne der Schweiz, der gut 12.000 Mitarbeitende in 71 Ländern beschäftigt, aus dem Übernahmesturm wieder in ein ruhiges Fahrwasser gesteuert worden. Kurz zuvor hatte die Firma ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert und dabei auch ausführlich des Gründers gedacht. Die reich gewordenen Enkel und Urenkel hatten allen Grund dazu.

Im Jahr 1910 hatte der aus Thüringen stammende Maurer Kaspar Winkler die nach ihm benannte Firma Kaspar Winkler & Co. gegründet, die in den folgenden Jahren mit einem gesuchten Produkt namens Sika-1 das Bauwesen revolutionierte. Doch davon später.

Kaspar Winkler kam am 7. März 1872 in Thüringen zur Welt. Sein gleichnamiger Vater war Schuhmacher, seine Mutter Anna Prinz war als Fabrikarbeiterin aus Missen im Allgäu zugezogen. Wie auch seine Geschwister musste der Schusterbub schon früh als Hütekind ins Schwabenland und verlor dort bei einem Arbeitsunfall sein rechtes Auge. Nach Beendigung der Schulpflicht verdingte er sich als Maurergehilfe. Nach dem frühen Tod seiner Mutter im Jahr 1888 begab sich der 16-jährige Kaspar Winkler in die Schweiz, die zu seiner zweiten Heimat werden sollte. Bei einem Maurermeister in Altstetten bei Zürich fand er Beschäftigung und seinen bleibenden Wohnort. Der junge Maurer begann die Fortbildungsmöglichkeiten, die sich in Zürich engagierten Bauhandwerkern boten, zu nutzen. So stieg er bald zum Polier und Bauführer auf. Nach Absolvierung von Zeichen- und Materialkursen fand er zeitweise Beschäftigung in einem Architekturbüro. Daneben aber gehörten sein Interesse und die karge Freizeit immer der Auseinandersetzung mit Baustoffen. Nächtelang tüftelte er an Verbesserungen und Neuentwicklungen von Materialien, las Fachliteratur und unterhielt sich mit professionellen Chemikern.

1902 wagte er sich in die berufliche Selbstständigkeit, indem er einen Granitsteinbruch im Tessin übernahm. Die Blöcke und Pflastersteine wurden hauptsächlich an bekannte Baumeister in Zürich geliefert. In diese Zeit fallen die ersten Patente zum Schutz und zur Reinigung von Granit. Darüber hinaus tüftelte Winkler an weiteren Neuheiten, die er in der Schweiz und dann auch in Österreich patentieren ließ. Dies war zum einen ein „Verfahren zur Herstellung von isolierenden Überzügen auf hitzebeständigen Materialien, wie Metall, Stein und Glas“. Zu diesem Zweck wollte er „oxidierbare tierische Fette, Altöl sowie flüssige Wachse“ erhitzen und dann mit einem Sikkativ (Trocknungsbeschleuniger) verfestigen. Zum anderen plante er feste Bauelemente aus gepresstem Holzabfall, also eine Art Hartfaserplatten.

Der findige Maurer
In einem Selbstporträt, gezeichnet um 1910, machte der Firmengründer deutlich, dass nur sein linker Gesichtssinn intakt war.

Zurück in Zürich beschäftigte sich Winkler ab 1909 ausschließlich mit „Fabrikation und Vertrieb chemisch-technischer Bauartikel“. Einen ehemaligen Bundesrat konnte er als stillen Kommanditisten für die neugegründete Firma gewinnen. Neben mehreren anderen und „größeren Sachen“, wie Winkler seine weiteren Versuche selber nannte, beschäftigte er sich nun mit einem chemischen Zusatz, mit dem man einen wasserdichten Mörtel für die Abdichtung von Tunneln herstellen konnte, der in Sekundenschnelle aushärtet. Das erste Produkt mit diesem Anspruch stellte er 1910 mit der Bezeichnung Sika-1 der interessierten Öffentlichkeit vor. Der Siegeszug dieses Dichtungsmittels nahm nur langsam Fahrt auf und begann sich erst nach dem Ende des Ersten Weltkriegs rasant zu beschleunigen, als die Schweizerische Bundesbahnen AG sich anschickte, den Gotthardtunnel zu elektrifizieren. Dazu war ein wasserdichter und schnell trocknender Baustoff vonnöten, der das Eintropfen von Wasser, das zu Kurzschlüssen geführt hätte, verhinderte. Nach Versuchen mit unterschiedlichen Bindern entschied sich der SBB-Vorstand für den Einsatz von Sika zur Abdichtung der gesamten Tunnelstrecke. Das Mittel erfüllte die Erwartungen und der neu ausgekleidete Bahntunnel wurde zum Referenzprojekt für die Firma Kaspar Winkler.

Mit der Unterzeichnung der sogenannten Genfer Protokolle zwischen Österreich und den Westmächten im Jahr 1922 sollte der Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft und die Stabilisierung der Währung vorangetrieben werden. Die Schweizer Bankiers, die die Anleihe ausgaben und deren Verwendung kontrollierten, hatten die Elektrifizierung der Arlbergstrecke als eines der Aufbauziele im Vertragswerk untergebracht. Die Schweiz hatte nämlich Interesse an einer leistungsfähigen West-Ost-Verbindung, die nicht durch das unsichere Deutschland führte.

Winkler hatte in weiser Voraussicht Sika 1921 in Österreich als Patent angemeldet. Nach dem Gotthard war nun der Arlberg der zweite lange Eisenbahntunnel, der mit Sika isoliert wurde. Weitere Großprojekte folgten nun in ganz Europa. Nach Deutschland wurden Niederlassungen in Italien und Frankreich eingerichtet; zuerst jeweils nur als Vertriebsorganisationen. Wo sich der Absatz positiv entwickelte, wurden auch Produktionsstätten errichtet. 1930 übernahm Winklers Schwiegersohn Dr. Fritz Schenker den Vertrieb und die Expansion nach Amerika und Asien. Dem Firmengründer blieb wieder mehr Zeit für sein wirkliches Interesse, nämlich die Entwicklung neuer Produkte. Besonders im Brückenbau sah er ein offenes Geschäftsfeld. Für das Betonieren unter Wasser waren besonders schnell bindende und trocknende Mörtelzusätze notwendig. Die Firma Kaspar Winkler, die 1930 in Sika AG umbenannt wurde, lieferte, was die Bauherren an Wünschen äußerten. Unter der Produktbezeichnung Plastiment brachte die Firma 1932 ein weiteres bahnbrechendes Betonzusatzmittel auf den Markt.

Der findige Maurer
1926 reiste Kaspar Winkler (Bildmitte) bereits per Flugzeug zu Verhandlungen nach London. Im Jahr darauf wurde hier eine Sika-Niederlassung gegründet.

Ende der 1930er-Jahre war Sika eine Größe in der Bauwelt. Als der Schweizer Architekt und Schriftsteller Max Frisch 1943 den Wettbewerb für ein städtisches Freibad in Zürich gewonnen hatte, notierte er in seinem Tagebuch: „Zement, Sika, Klinker, Zink, Glaswolle, Eternit, das sind nun die Vokabeln meiner Kalligraphie.“ Sika war zu einem Begriff geworden und Kaspar Winkler zu einem gemachten Mann, der immer noch lieber im Labor werkte als im Büro.

Das Wohlstandsgefälle zwischen dem reich gewordenen Schweizer und der arm gebliebenen Thüringer Verwandtschaft wurde bei Winklers kurzen Besuchen in der alten Heimat augenfällig: Er kam in einer schwarzen Limousine, gefahren vom eigenen Chauffeur, und brachte Bananen als Gastgeschenk.

1951 starb der findige Tüftler und gestandene Unternehmer in seiner zweiten Wahlheimat Lugano. Er genoss auf die alten Tage die frische Seeluft und die Sonne; in seinen frühen Jahren als Schwabenkind, Gipser, Maurer und Steinbrecher hatte er ausreichend unwirtlichen Verhältnissen getrotzt und Staub geschluckt.

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Den Lebensabend verbrachte der erfolgreiche Erfinder und Unternehmer mit seiner Frau Alice in Lugano.

Sein Interesse und sein ständig erweitertes Wissen für Baustoffe ließen Kaspar Winkler zu einem Erfinder und Unternehmer reifen, dessen Verfahren und Produkte weltweite Anwendung erfahren und dessen Firma zu einem global agierenden Konzern der Spezialitätenchemie wuchs. Nach Eigenbeschreibung beliefert Sika die Bau- und die Fertigungsindustrie (Fahrzeug-, Geräte- und Gebäudeelementbau) mit Prozessmaterialien für das Dichten, Kleben, Dämpfen, Verstärken und Schützen von Tragstrukturen. Die Hinterlassenschaft des Maurers aus Thüringen kann sich sehen lassen. Zurecht wurden ihm in seinen beiden Heimaten ein Weg bzw. eine Gasse gewidmet.

Der Historiker Meinrad Pichler stellt in einer neuen Serie „Avantgarde“ historische Persönlichkeiten in und aus Vorarlberg vor, die auf wirtschaftlichem, sozialem oder kulturellem Gebiet vorangegangen sind beziehungsweise vorausgedacht haben und damit über ihre Zeit hinaus wirksam wurden. Neben biografischen Stationen gilt es deshalb vor allem zu zeigen, was diese Personen öffentlich Bleibendes geschaffen, erfunden oder erdacht haben. Da durch aktuelle Gegebenheiten wieder vieles neu gedacht und eingerichtet werden muss, sind innovative Köpfe immer gefragt.