„Wir sind aus Liebe abgehauen“

Vorarlberg / 10.04.2022 • 17:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das Ehepaar Sabrina und Nigel Johnson verbindet innige Liebe. HRJ

Das Ehepaar Sabrina und Nigel Johnson verbindet innige Liebe. HRJ

Sabrina und Nigel Johnson haben im Krankenhaus zueinander gefunden.

GÖFIS Seit ihrer ersten Begegnung ist das Leben von Sabrina und Nigel Johnson eine emotionale Achterbahnfahrt. Ihr Alltag ist durch schwere Erkrankungen beeinträchtigt. Wie die 35-jährige Vorarlbergerin und der 51-jährige Brite zueinander gefunden haben, erzählen sie an einem sonnigen Nachmittag in ihrem Wohnzimmer in Göfis.

Sabrina, geboren am 9. Dezember 1986, wächst mit ihren Eltern, Großeltern und vier Schwestern in Bregenz auf. Das Gymnasium bricht sie in der 5. Klasse ab und wechselt in die Handelsschule. Danach fängt die damals 18-Jährige eine Verkaufsausbildung bei den ÖBB an.

Heftige Diagnose

Ein halbes Jahr später passiert es. Sabrina kann auf einmal nicht mehr gehen: „Ich knickte ein. Dann zog es mir die Füße weg“, schildert sie. Die Diagnose lautet Multiple Sklerose. In der Folge muss Sabrina den Beruf, aber auch ihre sportlichen Aktivitäten, wie Rettungsschwimmen und Skifahren, aufgeben. Die junge Frau wird depressiv und entwickelt ein Borderline-Syndrom. Es folgen zweieinhalb Jahre stationärer Aufenthalt im Krankenhaus Rankweil. Dort begegnet sie dem Briten Nigel Johnson.

Nigel ist am 18. Dezember 1970 in Afghanistans Hauptstadt Kabul zur Welt gekommen. Sein Vater arbeitet dort für die US-Botschaft. Als 1971 Krieg ausbricht, verlässt die Familie Johnson – Vater, Mutter, zwei Söhne, eine Tochter – das Land. Die nächsten Ziele sind Sambia und Marokko. Schließlich kehrt die Familie nach England zurück. Nigel beendet 16-jährig die Schule und lässt sich zum Koch ausbilden. Anschließend reist er für ein Jahr nach Australien. Die Vorarlbergerin, die er dort kennenlernt, wird seine erste Ehefrau. 25 Jahre lebt er mit ihr hier zusammen, wird Vater von zwei Töchtern und einem Sohn.

In Vorarlberg geht Nigel verschiedenen Jobs nach: Etwa als Koch, Joghurtmischer, Markisen-Monteur, Fleischverkäufer. Dann gleitet Nigel in ein Burnout. Es beginnt mit beidseitigem Tinnitus. „Das Pfeifen im Kopf trieb mich in den Wahnsinn“, erinnert er sich. „Ich wollte vom Berg hinunterspringen.“ Er wird ins Krankenhaus Rankweil eingewiesen.

Ein halbes Jahr später, es ist Frühling 2015, wandert er zehn Wochen durch Kalifornien. Das habe ihn zwar fit-, aber seine Ehe kaputtgemacht. Das Burnout ist wieder da, „und ich landete erneut in der Valduna“. Sabrina und Nigel freunden sich im Valduna-Café an. Aus Freundschaft wird innige Liebe. Nach seiner Entlassung besucht er sie täglich. Sabrina muss nämlich bleiben, für unbestimmte Zeit. „Da haben wir beschlossen, abzuhauen“, bekennt Nigel. „Ich holte sie mit dem Auto vor dem Spital ab. Wir fuhren nach England zu meiner Mutter.“ Die nach Sabrinas Verschwinden eingeleitete Fahndung bleibt erfolglos. Als Sabrina aufwendige medizinische Betreuung braucht, kehrt das Paar nach Österreich zurück. Nachdem die Fahndungssache geregelt ist, mietet es ein Haus in der Steiermark und heiratet. Im Jänner 2019 kommt die gemeinsame Tochter Samantha zur Welt.

Im Jahr darauf verschlechtert sich Sabrinas Zustand. Zudem hat sie Heimweh nach Vorarlberg. So ziehen die Johnsons nach Götzis, dann nach Dornbirn, letzten Sommer nach Göfis.

Ende 2020 wird Nigel mit Covid-19 infiziert. Der bereits an Herzinsuffizienz, Osteoporose und Rheuma leidende Mann wird auf der Intensivstation des Dornbirner Krankenhauses in künstlichen Tiefschlaf versetzt. In den vier Wochen Koma wird er mehrmals wiederbelebt: „Mein Herz hat nicht mitgemacht.“

Ganz erholt hat sich Nigel, der eine Invalidenpension bezieht, bis heute nicht. Dennoch schupft er den Haushalt, versorgt Frau und Kind liebevoll. Sabrina ist dankbar, aber auch unglücklich, „weil ich nichts mehr selber tun kann“. Wegen der Spastik ist sie an den Rollstuhl gefesselt, und Sprechen ist mühsam. „Sabrina braucht dringend, Logo-, Ergo- und Physiotherapie. Als ÖGK-Patientin steht sie jedoch auf der Warteliste“, sagt Nigel. „Für private Therapeuten, aber auch dringend benötigte Hilfsmittel haben wir kein Geld.“ Er ist verzweifelt.

Hilfe benötigt

Unterstützung gibt es von „Stunde des Herzens“. Über diese Vorarlberger Hilfsorganisation kann für Sabrina persönlich gespendet werden. (Spendenkonto: Sparkasse Bludenz, IBAN: AT342060703200033474, BIC: SSBLAT21, Spendenzweck: Sabrina Johnson).

Bei der Frage nach Wünschen sind sich Sabrina und Nigel einig: „Wir wünschen uns, dass uns noch viel gemeinsame Zeit mit unserem Kind bleibt.“

„Für private Therapeuten, aber auch dringend benötigte Hilfsmittel haben wir kein Geld.“

Nigel schupft den Haushalt.HRJ
Nigel schupft den Haushalt.HRJ

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