Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Nicht das Feuer schüren

Vorarlberg / 11.04.2022 • 20:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ein entspannter Abend in einem Wiener Gastgarten und ein Mann wirft einer Frau ein Glas ins Gesicht. Wenn man sich zwei Jahre lang über die Corona-Maßnahmen der Regierung ärgert, dann wird man das wohl auch drastisch zeigen dürfen, dachte sich der 26-jährige Angreifer offenbar, als er die Grüne Klubobfrau Sigrid Maurer vergangenen Donnerstag attackierte – und nur durch Zufall nicht verletzte, weil das Glas nicht zerbrach. Der Maßnahmen-Gegner ging nach der Tat einfach weiter, die Polizei holte ihn ein. Laut Landespolizeidirektion Wien wurde der junge Mann auf freiem Fuß angezeigt. Er habe ausgesagt, dass er die Tat bedaure. Ein schöner Trost für Maurer, die sich nun wahrscheinlich im öffentlichen Raum nicht mehr so sicher fühlen wird.

In den Pandemie-Jahren ist der allgemeine Druck größer, der Ton rauer und das gesellschaftliche Klima toxischer geworden. Die Aggressionen von radikalisierten Impfgegnerinnen und Impfgegnern auf „das System“ offenbaren sich auf Demos und Social-Media-Plattformen. Dabei werden nicht nur Beschäftigte in Krankenhäusern oder Ordinationen, sondern auch Regierungs-Politikerinnen und -Politiker Zielscheibe der überkochenden Emotionen.

Die Entfremdung

Gemütlich war es gestern: Das zeigt auch die neue Fallanalyse der österreichischen Beratungsstelle für Extremismus. Laut Standard wurden bundesweit 144 Fälle von Männern (48 Prozent) und Frauen (52 Prozent) untersucht, die sich in der Pandemie durch Verschwörungsmythen radikalisiert haben. Lebenskrisen wie Jobverlust oder biografische Brüche befördern demnach die Radikalisierung und die Entfremdung von den eigenen Angehörigen. Körperliche, aber auch psychische Gewalt nehmen laut der Analyse zu.

Diesen Entwicklungen muss man als Gesellschaft klar entgegentreten. „Ich bin gegen Gewalt, aber die Maurer …“ – solche und ähnliche Verharmlosungen der Gewalt sind indiskutabel. Man kann sich allerdings nicht bequem darauf zurückziehen, dass man selbst körperliche Gewalt als zivilisierter Mensch natürlich verurteilt und nur den anderen, den Spinnern, den System-Gegnern zuschreibt. Denn wer andauernd emotionalisiert Ressentiments gegen die politische Gegnerschaft verbreitet, schürt auch das Feuer. Alles Trotteln, Unfähige und Korrupte – Verbalinjurien dieser Art bringen viel Beifall, können aber möglicherweise auch Kollateralschäden nach sich ziehen.

Wenn ohnehin alles geht, wenn so etwas wie ein Grundrespekt gegenüber dem anderen niemanden mehr interessiert – warum soll man den Zorn bei Gelegenheit nicht auch körperlich ausleben? Man sollte sich also nicht über Maßnahmen-Gegner erheben, die zuschlagen, sondern lieber einmal bei sich selbst und dem eigenen Diskussionsstil beginnen.

„Wer andauernd emotionalisiert Ressentiments gegen die politische Gegnerschaft verbreitet, schürt auch das Feuer.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.

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