Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Das Ziehmädchen

Vorarlberg / 13.04.2022 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Eine Frau erzählte mir in einer halben Stunde Auszüge aus ihrem Leben. Dabei schminkte sie mich für einen Fernsehbeitrag. Das war ihr Beruf. Sie zog gekonnt Stifte aus ihrem Sortiment.
Die Frau war Französin, redete mit Akzent, was gut zu ihrem dunklen Aussehen passte.
„Also“, sagte sie, „wenn Sie wollen, duze ich Sie, weil es sich dann besser schminkt. Ich mache das sowieso wie im Traum. Ich bin fünfzig Jahre alt, habe keinen Mann mehr und zwei erwachsene Mädchen, eine leibliche und eine angenommene. Meine ist hellblond wie ihr schöner Vater war, die andere ein schwarzes Mädchen, das gern hell wäre. Wie ich zu ihr kam, will ich dir erzählen. Sie saß unter dem Dach vor dem verwilderten Haus, egal ob die Sonne schien, ob es regnete, windete oder schneite. Manchmal lag sie auf den Dielen.
Ich hatte wie jeden Tag meine Tochter in den Kindergarten gebracht. Einmal ging ich zu ihr hin und sagte: Du bist so alt wie meine Tochter, warum gehst du nicht auch in den Kindergarten?
Hat mir niemand aufgetragen, antwortete sie. Aufgetragen – als ob es sich um ein Geschäft handelte.
Wo ist deine Mutter“, fragte ich.
Sie schläft, sagte sie.

„Sie saß unter dem Dach vor dem verwilderten Haus, egal ob die Sonne schien, ob es regnete, windete oder schneite.“

Ich klopfte an, die Tür ging nicht ganz auf, weil der Besen umgefallen war und Mäntel vom Haken. Alles war eng, und es roch schlecht, wonach, konnte ich nicht genau sagen. Irgendwie modrig, ungewaschen, ungelüftet. Ich berat in den ersten Raum, mühsam, nachdem ich viel Unrat beiseite geräumt hatte, und öffnete das Fenster. Ich klopfte im zweiten Raum an, niemand meldete sich, ich trat ein. Unter Decken sah ich den Kopf einer Frau, wahrscheinlich die Mutter des Mädchens. Ich trat vor sie hin, stellte mich vor . Sie schaute mich mit verklebten Augen an und sagte: Tun sie was sie wollen, mir ist das egal.
Da war ein offensichtliches Problem. Ich ging am nächsten Tag zur Stadtverwaltung und erkundigte mich. Man sagte mir, in dem Haus wohne eine Frau, sie habe sieben Kinder von verschiedenen Männern, aber nur noch eines wohne bei ihr. Sie sei krank und bereits fürsorgebekannt. Also ging ich zur Fürsorge. Eine Frau begleitete mich in das Haus. Das Mädchen rührte Puddingpulver in einen Topf mit Milch, es roch angebrannt und war klumpig. Die Frau sagte, sie rede mit der Mutter des Mädchens und ich könne sie inzwischen zu mir nach Hause nehmen.
Meine Tochter freute sich über den Besuch. Beide aßen sie gierig meinen Kaiserschmarren , der angestaubt war von viel, viel Zucker. Es gab dazu gekochte Heidelbeeren. Das habe ich hier gelernt.
Die Fürsorgefrau kam zu uns, und sie sagte, die Mutter des Mädchens wäre froh, wenn ich das Kind nehmen würde, bis sie wieder gesund ist. Das Mädchen heiße Kim.
Daraus wurde eine bürokratische Geschichte. Die Frau kam in die Psychiatrie, Kim zu mir.
Wir drei hatten es gut.
So. Ich bin fertig mit Schminken“, sagte sie zu mir, willst du dich nicht betrachten?“
Ich schaute mich an und sah ungewohnt aus.

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