Beten allein reicht nicht

Vorarlberg / 14.04.2022 • 18:52 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Das kleine Kreuz trägt Vasyl Demchuk immer bei sich. Es bedeutet ihm auch ein Stück Heimat. Thomas Matt
Das kleine Kreuz trägt Vasyl Demchuk immer bei sich. Es bedeutet ihm auch ein Stück Heimat. Thomas Matt

Der Karfreitag von Menschenhand kann nur von uns selbst beendet werden.

Schwarzach Selbst große Theologen wie Romano Guardini oder Karl Rahner bekannten am Ende ihres Lebens ratlos: „Wenn ich bei Gott ankomme, werde ich ihn als Erstes fragen: Warum mussten so viele Unschuldige leiden?“

Feldkirch, im April 2022. Vasyl Demchuk eilt von Termin zu Termin. Dabei hält er ein hölzernes Kreuz in Händen. Er hält sich daran fest. Es ist ihm kostbar. Der 38-jährige Ukrainer ist Priester. Er betreut ukrainisch-katholische Christen. Es gab vorher wenige in Vorarlberg. „Im ersten Gottesdienst waren wir nur zu dritt.“ Aber jetzt ändert sich das. Der Krieg spült immer mehr Menschen ins Land. „Die Flüchtlinge kommen mit nichts.“ Sie haben nur ihre Erinnerungen.

Orte des Karfreitag

Düstere Erzählungen sind das aus einer Welt, die das entstellte Gesicht von Bucha trägt. Die ukrainische Kleinstadt, die bis vor Kurzem noch niemand hierzulande kannte, ist jetzt weltweit in aller Munde. Die Bilder der hingemetzelten Zivilisten stehen beispielhaft für diesen sinnlosen, grauenvollen Krieg. Oder die Hafenstadt Mariupol, wo Tausende starben. Oder Kramatorsk im Oblast Donezk, wo Raketen inmitten von Flüchtlingen am Bahnsteig explodierten. Mehr Karfreitag geht nicht.

Er dauert schon sehr lange, dieser Karfreitag. Viel länger, als wir das wahrnehmen. Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow zeichnet in seinem Roman „Graue Bienen“ den Alltag in einem Krieg nach, der seit 2014 im Osten der Ukraine ununterbrochen weiterschwärte, indes das übrige Europa längst den Blick abgewendet hatte.

Erinnerungen

Deshalb kann Vasyl Demchuk seine Enttäuschung auch nicht verbergen. Er selber fühlt sich als Europäer. Er ist in Lviv (Lemberg) geboren. „Eine wunderschöne Stadt“, schwärmt Demchuk und appelliert an das österreichische Langzeitgedächtnis: „Das war einmal Teil der Monarchie.“ Aber die Bilder, die er jetzt sieht, gemahnen an eine andere Zeit. „Ich höre wieder meine Oma vom Weltkrieg erzählen.“ Der Opa ist damals nicht zurückgekommen von der Front. Sie musste den sechsjährigen Buben, Vasyls Vater, alleine großziehen.

Vasyl Demchuk stammt aus einer Ärztefamilie. Sein Bruder Gregorio ist Dermatologe und arbeitet jetzt in einem städtischen Lemberger Krankenhaus. Vasyl Demchuk, der in Bozen lebt und von dort aus die Vorarlberger Gemeinde betreut, riet ihm zur Flucht. „Aber er hat abgelehnt. Wenn alle gehen“, hat er gefragt, „wer soll dann noch das Land verteidigen?“

So sind sie beide auf ihrem Posten, Gregorio in der Ukraine und Vasyl hier, der die Flüchtenden auffängt. „Sie sind so froh, wenn wir auf Ukrainisch beten können.“ Einige sprechen Russisch, „aber ich schau nicht auf die Identitätskarte. Ich schau nur, was die Menschen brauchen.“ Geistliche und karitative Begleitung, manchmal auch rechtlichen Beistand, „denn einige sind ohne Dokumente gekommen, manche noch in ihren blutigen Jacken“.

Aber wo führt das alles hin? Demchuk hat gelesen, wie Ukrainer in abgelegene Teile Russlands deportiert werden. Er hörte vom Schicksal der Alten, die nicht fliehen konnten und nun elend zugrunde gehen. Er zeigt auf das Foto eines Kindes, dem die Mutter ihre Kontaktdaten auf den Rücken geschrieben hat, falls sie selbst getötet wird und ihr Kind überlebt. All das kann er nicht ausblenden und senkt den Kopf: „Er wird dauern, dieser Hass. Sieben, acht, vielleicht zehn Generationen.“ Und doch will er nicht klein beigeben. „Wir dürfen uns nicht Christen nennen, wenn wir einander töten. Wir müssen uns unablässig fragen, was wir für die Welt tun können, damit sie besser wird“, betont Vasyl Demchuk, „und zwar mit Taten, nicht nur mit Worten.“ Denn „beten allein reicht nicht“. Den Karfreitag, den wir uns gegenseitig bereiten, können wir nur selber beenden. TM

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