Die Sonne hat sich verfinstert

Vorarlberg / 14.04.2022 • 17:46 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
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Es ist fast unerträglich, diese täglichen Bilder des Leids in der Ukraine anzuschauen: das Zerstören, Vertreiben, die Ruinen, den Hunger, das Hinrichten. Eine schlimme Passion. Die ganze Welt hat sich verdunkelt wie damals in Jerusalem. Die Sonne der Hoffnung verfinstert sich, mitten im Frühling Tod und Vernichtung. Der Schrei nach Hilfe wird laut, auch der Schrei, wo ist da noch Gott. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, hat nicht nur einer geschrien, heute tun es wieder viele, nicht nur in der Ukraine, auch bei uns. Wo ist da noch Hoffnung. Es ist dunkel und aussichtslos wie damals in Auschwitz:

Einer war aus dem Lager geflohen. Zur Strafe und Abschreckung erhängte die SS zwei jüdische Männer und einen Jungen vor der versammelten Lagermannschaft, so erzählt ein Bericht. Die Männer starben rasch, der Todeskampf des Jungen aber dauerte eine halbe Stunde. Die Versammelten mussten stehen und zuschauen. Da schrie einer in die mitleidende Stille: Wo ist Gott, wo ist der Messias? Nach einer Pause, die wie eine Ewigkeit dauerte, schrie ein anderer: Dort ist er, dort hängt er.

Dort hängt er

Er hängt in Jerusalem, er hängt auch heute überall, wo Gewalt Menschen tötet. Gott ist kein ferner Zuschauer, der etwas zulässt oder nicht, er ist ein ganz anderer Gott, er ist mitten im Geschehen anwesend in den schönen Stunden, aber auch in den schrecklichen. Wir könnten Passion übersetzen mit Leidenschaft. Er ist ein leidenschaftlicher Gott, der mit uns leidet, der im Leid anwesend ist. Wir sind Gottes Leidenschaft. Ich habe den Satz: Jesus hat für uns gelitten, nie so richtig verstanden. Ich wollte doch nicht, dass er wegen mir leidet. Heute verstehe ich das so: In seinem Leiden können wir Hoffnung finden. Wo wir leiden, wo uns Fragen und Ängste bedrängen, da eröffnet seine Passion, seine Leidenschaft eine neue Sichtweise, wie wir Leid bewältigen können. Helfende Hoffnungsschritte dazu sind im Geschehen am Kreuz aufgezeichnet:

„Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Dieses Wort Jesu am Beginn der Kreuzigung ist ein Teil seiner Erlösung.

Mitten in allem Streit und Krieg schenkt ein Wort der Vergebung einen neuen Anfang. Es braucht Zeit und fängt leise an. Vergeben heißt, Verletzungen und Beleidigungen in einer täglichen Psychohygiene von Anfang an auszulöschen, damit sie sich nicht zu einem gefährlichen Geschwür des Hasses entwickeln. Vergeben heißt umdenken, sodass Gedanken der Rache aus mir fließen und die Anerkennung des vermeintlichen Gegners wächst. Wo ich anfange zu glauben, dass jeder Mensch wertvoll ist, dass in ihm das Göttliche wohnt, da kann es keine Rache und kein Töten geben, da wächst Friede, da wächst Gewaltlosigkeit.

Ein zweites Wort Jesu am Kreuz, das hilft, dass dieser Tod erlösend ist:

Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Wenn das Elend groß ist, wenn der Tod uns hilflos macht, wenn die Ohnmacht über uns kommt, dann brauchen wir Hände wie die einer Mutter oder die eines Sohnes oder einer Tochter, die zu uns stehen und uns weiterhelfen. Das ist für mich das Wunder mitten in all dem grausamen Geschehen in der Ukraine, dass Menschen außerhalb, ja dass ganz Europa zusammensteht wie noch nie, dass eine gewaltige Hilfsbereitschaft aufgebrochen ist, wie wir sie bisher nicht kannten. Da haben mich die Worte der Anne Frank wieder getragen, die in ihr Tagebuch geschrieben hat: Ich glaube trotzdem an das Gute.

Nahrung für die Hilfsgemeinschaft

Diese Hilfsgemeinschaft braucht wahrscheinlich einen langen Atem, sie wird auch enttäuscht werden und braucht dauerhafte Motivation. Wir können sie in einem weiteren Wort Jesu am Kreuz finden:

Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!

Wo ich den Geist Jesu in mich einfließen lasse, den Geist der Bergpredigt, den Geist seiner Gewaltlosigkeit, wo ich mit diesem Geist verbunden bin, da wächst Friede. Da wächst in mir Dankbarkeit, Erfüllung und Friede, sodass ich zufrieden bin und damit auch friedfertig. Da wird es Ostern.

So wünsche ich uns allen, dass wir mitten durch das Dunkel des Leids hindurch den Sonnenstrahl des Ostermorgens entdecken.

Rudolf Bischof, Bischofvikar, Feldkirch.
Rudolf Bischof, Bischofvikar, Feldkirch.

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