Die Fußach soll wieder echte Ach werden

Vorarlberg / 15.04.2022 • 16:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dieses schmale Gerinne war einmal ein schiffbarer Fluss, auf dem Waren zur Zuschg (im Hintergrund) angeliefert bzw. von dort abtransportiert wurden. <span class="copyright">stp/3</span>
Dieses schmale Gerinne war einmal ein schiffbarer Fluss, auf dem Waren zur Zuschg (im Hintergrund) angeliefert bzw. von dort abtransportiert wurden. stp/3

Gerald Mathis zeigte bei Begehung in Fußach mit der Gemeindevertretung Renaturierungskonzept auf.

Fußach „Positionspapier Fußach 2030“ titelt Gerald Mathis einen Forderungskatalog, mit dem die Gemeinde Fußach Korrekturen verlangt. Korrekturen der immensen Nachteile, die der Fußacher Durchstich der Gemeinde vor mehr als 120 Jahren gebracht hat. Im Gespräch mit der VN Heimat bringt es der Gründer und Chef des Instituts für Standort- Regional- und Kommunalentwicklung (ISK) auf den Punkt: „Bei der Entscheidung für den Fußacher Durchstich ist Fußach – und in geringerem Ausmaß auch Hard – regelrecht über den Tisch gezogen worden. Während es Hard gelungen ist, durch die aufwendige Sanierung der Harder Bucht und den Erwerb der Auflandungsflächen die negativen Folgen des Durchstichs nicht nur abzufedern, sondern am Ende enorm profitierte, indem die Bucht saniert wurde und Strandbad, Hafenanlagen, Feriensiedlung sowie FKK-Gelände entstanden, wurde Fußach einfach geopfert und im Stich gelassen.“

Umfangreicher „Mängelkatalog“

Das Positionspapier, von dem Mathis u. a. LH Markus Wallner ein Exemplar schickte, listete denn auch wie ein umfangreicher Mängelkatalog eine ganze Liste von Nachteilen auf, die Fußach „einfach ohne jegliche Entschädigung aufgezwungen wurden“. Eines der zentralen Anliegen der geforderten Wiedergutmachung: die Renaturierung und Aufwertung der Fußach, die wieder eine richtige Ach werden soll. Wie das in der Praxis aussieht, zeigte Mathis der Gemeindevertretung bei einer Begehung entlang der Reste der „Fußach“ auf. Sie ist durch den Rheindurchstich zu einem armseligen Rinnsal verkümmert, an manchen Stellen zugeschüttet und aus der Landschaft verschwunden. Heute ist es unvorstellbar, dass es viele Jahrhunderte ein richtiger Fluss war, der fast bis zur Pfarrkirche schiffbar war. Übrigens: die heutige Dornbirner Ache, die nach dem Rheindurchstich ab dem Abfallwirtschaftszentrum rechtsrheinisch in den See fließt, hieß bis vor gut 120 Jahren Fußach und wurde später auf Dornbirner Ache umbenannt.

Historische Bedeutung für Fußach

Nur ein paar Schritte vom heutigen Zentrum entfernt legten Schiffe an und es wurden in der sogenannten „Zuschg“ Waren umgeschlagen und im Zollgebäude gegenüber verzollt. Neben diesem Umschlaghafen gab es die 500 Meter lange Steede, an der große Schiffe anlegen konnten. Die Waren wurden dann per Pferdefuhrwerk zur Zuschg weiterbefördert. Noch 1842 wurde diese Steede neu errichtet, mit dem Rheindurchstich wurde sie nicht mehr benötigt und zerstört, nachdem das Gelände mehr und mehr verlandet war.

Internationale Bedeutung

Fußach war ab dem 14. Jahrhundert nicht nur ein lokaler Hafen, dieser hatte eine wichtige Funktion für den Fernverkehr zwischen Lindau und Mailand. Ab 1322 verkehrte auf dieser Route der berittene „Mailänder, Lindauer, aber auch Fußacher Bote“. Durch den Ausbau des Weges durch die Via-Mala-Schlucht wurde die Verbindung kutschentauglich – und ab 1474 war der Bote wöchentlich einmal auf der 325-km-Strecke, die in fünf Tagesetappen bewältigt wurde, mit Waren, Post und Reisenden (der bekannteste Passagier war 1788 J.W. Goethe) unterwegs. Im Auftrag der Stadt Lindau fungierten die Fußacher Familien Spehler und Vis (Weiss) als Betreiber. Daraus entwickelte sich das weltweit tätige Logistikunternehmen Gebr. Weiss, das den Lindauer/Fußacher/Mailänder Boten bis 1826 betrieb. Der Firmensitz blieb bis 1872 in Fußach, ehe er nach Eröffnung der Bahnlinie nach Bregenz verlegt wurde.

Bis zu 60 Meter breit

Nostalgische Erinnerungen an die Zeit, als die Fußach noch als richtige Ach durch die Gemeinde floss und zur wirtschaftlichen Bedeutung als Vorarlbergs wichtigstem Bodenseehafen beitrug. „Darum geht es uns aber gar nicht“, betont Mathis bei seiner Führung entlang der ehemaligen Ach, die bis zu 60 Meter breite Mäander entwickelte. Selbst im Bereich der Mühlwasenbrücke, die die Fußach an einer Schmalstelle querte, war noch eine 25 Meter lange Brücke erforderlich. „Wir wollen wieder Leben in die Ach bringen, denn nach längeren Trockenphasen sind die verbliebenen Reste nur noch stehendes Gewässer ohne Vitalität“, formuliert Mathis den ersten Schritt der angestrebten Renaturierung. In einem weiteren Schritt sollen dann die für Fußach unbefriedigenden Besitzverhältnisse am Seeufer verhandelt werden. STP

Selbst an einer Schmalstelle der Fußach musste für die Straße von Hard über Fußach/Höchst in die Schweiz eine 25 Meter lange Brücke erstellt werden.
Selbst an einer Schmalstelle der Fußach musste für die Straße von Hard über Fußach/Höchst in die Schweiz eine 25 Meter lange Brücke erstellt werden.
Wo Gerald Mathis die „Informationsreise“ im Mühlwasen begann, floss bis vor etwa 125 Jahren die Fußach. Hier ist das Flussbett fast völlig zugewachsen.
Wo Gerald Mathis die „Informationsreise“ im Mühlwasen begann, floss bis vor etwa 125 Jahren die Fußach. Hier ist das Flussbett fast völlig zugewachsen.