Gott verlässt die Menschen nicht

Vorarlberg / 15.04.2022 • 17:24 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Die Sophienkathedrale in Kiew gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke europäisch-christlicher Kultur. AP/Vadim Ghirda
Die Sophienkathedrale in Kiew gilt als eines der bedeutendsten Bauwerke europäisch-christlicher Kultur. AP/Vadim Ghirda

Der Karfreitag von Menschenhand kann nur von uns selbst beendet werden.

Schwarzach Zum Leid gehöre dem christlichen Glauben nach auch die Auferstehung, aber ein Drittel der Menschen in Österreich kann dies beim besten Willen nicht glauben. Für sie ist mit dem Tod alles aus. Die christliche Kernerzählung hingegen dreht den Spieß um und gipfelt in der Gewissheit: Christus ist auferstanden, die Liebe hat den Tod besiegt.

Ostern 2022 trägt indessen kaum Züge der Auferstehung. Die Bilder aus der Ukraine atmen Elend und Tod. Für Menschen aus der Ukraine muss es besonders schwer sein, in all der Zerstörung noch Zeichen der Hoffnung zu entdecken. Nataliya Karfut (40) ist Theologin. Sie stammt aus einem Dorf nahe Lviv (Lemberg). Sie ist griechisch-katholisch und gilt als Spezialistin in byzantinischer Theologie. Wir baten die verheiratete Mutter, die in Rom lebt, zum Interview.

Die Bilder von Butscha und anderen Orten in der Ukraine wirken wie ein einziger großer Karfreitag. Die Frage, warum all dieses Leid geschieht, klingt unbeantwortbarer denn je. Gibt es Trost? Gibt es eine Antwort aus Ihrer theologischen Sicht? Stoßen Sie hier an Grenzen?

Karfut Wenn wir die Bilder von Butscha und anderen Orte in der Ukraine sehen, dann fragen sich viele: „Wo war Gott? Wo ist Gott? Warum ist es so geschehen? Wofür wurde den Menschen so viel angetan? Es gibt wahrscheinlich keine Antworten auf diese Warum-Frage. Es passieren sehr schlimme Sachen und man such sein ganzes Leben nach Antwort, aber findet keine Erklärung. Wo war Gott? Gott ist immer bei Menschen. Es ist einfacher zu verstehen, wenn alles gut läuft, wird aber schwierig, wenn man leidet.

Die Abfolge der Ereignisse in der Karwoche legen nahe, dass es ohne den Karfreitag kein Ostern geben kann. Das ist angesichts der Bilder aus der Ukraine eine unfassbar bittere Erkenntnis, so, als müssten wir durch all das hindurch, aber mit welcher Aussicht?

Karfut Gott hat Jesus am Kreuz nicht verlassen, aber Jesus fühlte sich verlassen. Es geht vielen Ukrainern und Ukrainerinnen jetzt so, dass sie sich von Gott verlassen fühlen. So sagen sie gemeinsam mit dem gekreuzigten Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es gibt keine Antwort, es ist nur möglich, das Kreuz zu betrachten. Und das Kreuz ist nicht nur die Folter, das Leiden, der Tod, es bedeutet nicht nur das Ende des Lebens und der Menschlichkeit, sondern auch die Auferstehung und die Hoffnung.

Katholiken und Orthodoxe feiern Ostern aufgrund ihrer Kalender zeitlich versetzt. Aber nach diesem Krieg scheint es, als trennten die beiden christlichen Kirchen weit größere Schwierigkeiten. Ist das auch ein Karfreitag der Konfessionen?

Karfut Die Katholiken und die Orthodoxen in der Ukraine fühlen sich eng miteinander verbunden. Das tun sie, indem sie dem Aggressor widerstehen. Als man am 1. März 2022 hörte, dass die Russen das Heiligtum der Heiligen Sophia in Kiew bombardieren würden, da sind alle Kirchen- und sogar Religionsführer der Muslime dorthin gegangen, um gemeinsam mit ihrer Präsenz für das Heiligtum einzustehen. Damit wollten sie die Kirche vor der Bombardierung retten. Vor einigen Tagen fand in der Kirche der Heiligen Sophia wieder ein ökumenischer Gebetstreffen mit Vertretern verschiedener christlicher Konfessionen statt. Der Dialog geht weiter. Wir hoffen, dass er gute Früchte bringen wird. Was die ukrainisch-orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats betrifft, so befindet sie sich in einer schwierigen Situation. Die Gläubigen verstehen die Haltung des Moskauer Patriarchats nicht. Sie fühlen sich verlassen und sogar von ihren geistlichen Brüdern verraten. Es werden orthodoxe Kirchen in der Ukraine bombardiert und zwar von den Russen. Viele orthodoxe Gläubige sterben, und es gibt keine Antwort aus Russland, aus dem Patriarchat von Moskau.

Wie sollten sich die Kirchen verhalten?

Karfut Die Gläubigen von allen Kirchen erwarten ein klares Wort: ein Ja soll ein Ja sein und ein Nein soll ein Nein sein. Die Hirten der Kirchen sollten bei ihren anvertrauten Gläubigen sein. Papst Franziskus sagte einmal, dass Hirten den Geruch ihrer Schafe selber haben sollten. Ich glaube, das ist im Großen und Ganzen der Fall in der Ukraine. Das gilt sicher für die katholische Kirche in der Ukraine und auch der orthodoxen Kirchen in der Ukraine. Die Kirchen sind engagiert, was die Flüchtlingshilfe und Nothilfe für die Betroffen betrifft.

Man sagt „Not lehrt beten“. Beten Sie dieser Tage? Fällt es Ihnen schwer? Schenkt es Hoffnung?

Karfut Das Gebet hat sehr geholfen, die ersten Tage nach Kriegsausbruch zu überstehen. Das war ein riesiger Schock. Die Menschen in der Ukraine haben auch bezeugt, dass sie spüren, wie die Menschen auf der Welt für sie beten. Damit soll man nicht aufhören, heißt es da ebenso. Das Gebet – also das Gespräch mit Gott – ist sehr wichtig. All das Leiden, all die Bilder, die wir jeden Tag sehen, müssen verarbeitet werden. Es besteht die Gefahr, dass all dies aus menschlichen Gründen zu Hass führen kann. Das Gebet hilft also auch, das Herz des Menschen davor zu bewahren, Hass und Aggression überhand nehmen zu lassen. Da muss man wahrlich sehr gut aufpassen, dass man durch den Krieg nicht traumatisiert wird und davon selber nicht angesteckt wird. Ich glaube auch, dass Gott eine bessere Lösung für die gegenwärtigen Situation finden kann, als wir uns das vielleicht vorstellen können. Ich glaube sehr stark an die Kraft des Gebets.

Die christliche Hoffnung ist Auferstehung. Welche Hoffnungen verbinden Sie ganz konkret mit dem Osterfest 2022?

Karfut Das diesjährige Osterfest wird besonders sein. Es wird schwierig sein zu feiern. Viele Menschen sind nicht bei sich zuhause. Viele haben ihre Verwandten verloren. Aber die Hoffnung ist da. Diese Hoffnung gibt auch Kraft daran zu denken, dass es eine Zukunft gibt und dass das Leben weitergeht. Die Familien, die jetzt getrennt sind, werden sich irgendwann wiedersehen. Irgendwann wird man wieder nach Hause zurückkehren können. Es wird ein neues Haus geben. Denn Gott verlässt die Menschen nicht.

Erzählen Sie uns ein wenig von sich: Wie geht es Ihnen persönlich? Wie geht es Ihrer Familie? Konnten sich Ihre Verwandten und Freunde in Sicherheit bringen?

Karfut Meine Familie befindet sich zurzeit in der Ukraine. Sie sind im Westen des Landes. Meine Cousine hatte es zu Kriegsbeginn geschafft, aus Mariupol im Süden der Ukraine weg zu fliehen. Das hat geklappt, weil sie sofort nach den ersten Bombenexplosionen geflüchtet sind. Sie hatten schon 2014 in den besetzen Gebieten ihr Zuhause — eine landwirtschaftliche Einrichtung — verloren. Sie flüchteten damals nach Mariupol und jetzt mussten sie also wieder fliehen. Jetzt sind sie im Westen der Ukraine und verstehen, dass sie nichts mehr haben. Aber sie leben und sie hoffen, dass sie ihre Zukunft in der Ukraine haben werden. Denn sie wollen das Land nicht verlassen. Sie verlieren nicht die Hoffnung, wieder nach Hause kehren zu können, auch wenn sie dort gar kein Haus mehr haben. Es war für mich sehr schwierig, die Entscheidung meiner Mutter, Schwester und meiner Cousine zu akzeptieren, die Ukraine nicht zu verlassen.
Ich hatte Angst wegen der Bombardierungen. Auch wenn der Westen der Ukraine weniger bombardiert wird, ist niemand in der gesamten Ukraine in voller Sicherheit. Es kann jedem jederzeit eine Rakete auf dem Kopf fallen, leider. Aber viele wollen ihr Land trotzdem nicht verlassen.

Wie kann ein Neuanfang aussehen?

Karfut Die Menschen in der Ukraine sind sehr optimistisch und hoffnungsvoll. Sie hoffen auf den Wiederaufbau. Sie hoffen, dass der Friede nach der Gerechtigkeit kommt und dass der Aggressor die Schäden bezahlen wird, damit der Neuaufbau möglich sein wird. Auf diese Weise werden die Leute auch weiterleben können. TM

Die ganzseitige Buchminiatur aus einem St. Galler Prachtsakramentar aus der Zeit von Abt Norpert von Stablo (1034-1072) zeigt die entscheidende Stelle im Neuen Testament, wie sie der Evangelist Markus beschreibt: „Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiß wie Schnee. Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden. Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden.“ St. Gallen, Stiftsbibliothek

Die ganzseitige Buchminiatur aus einem St. Galler Prachtsakramentar aus der Zeit von Abt Norpert von Stablo (1034-1072) zeigt die entscheidende Stelle im Neuen Testament, wie sie der Evangelist Markus beschreibt: „Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiß wie Schnee. Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden. Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag. Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden.“ St. Gallen, Stiftsbibliothek

Zur Person

Nataliya Karfut (40) stammt aus dem Dorf Bronytsya nahe Lviv (Lemberg). In Lviv, Freiburg und Rom hat sie katholische Theologie studiert. An der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Familien- und Eheinstitut. Nataliya Karfut ist griechisch-katholisch und Spezialistin in byzantinische Theologie. Sie ist mit Mario Galgano verheiratet. Die beiden leben in Rom und haben eine Tochter.

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