Reisen mit Nehammer, jassen mit Rüdisser

Vorarlberg / 15.04.2022 • 17:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Wirtschaftsbund ist Trumpf“: Jasskarten mit einer Karikatur von Karlheinz Rüdisser sind wieder gefragt. Tony Walser
„Wirtschaftsbund ist Trumpf“: Jasskarten mit einer Karikatur von Karlheinz Rüdisser sind wieder gefragt. Tony Walser

Husten, Schmatzen Nach zwei Jahren Pandemie sollte man meinen, dass der Umgang mit virtuellen Kommunikationsformen sitzt. Videochats prägen den beruflichen, aber auch privaten Alltag, seit persönliche Kontakte hinuntergeschraubt werden mussten. Doch die österreichische Journalisten-
elite belehrte diese Woche eines Besseren. Bundeskanzler Karl Nehammer (49, ÖVP) hatte nach einem ungewöhnlichen Auslandsbesuch zu einem ebenso ungewöhnlichen Hintergrundgespräch geladen. Also versammelten sich Montagabend zahlreiche Chefredakteure und Redakteure aus dem In- und Ausland im Zoom-Meeting. Allein, die Sache mit dem Mikrofon stumm- schalten funktionierte so gar nicht. Da wurde geschmatzt, gehustet, geraschelt, getippt, kommentiert, telefoniert, während Karl Nehammer von „harten Gesprächen“ mit dem russischen Präsidenten und Kriegsverbrechen auf ukrainischem Boden berichtete. Zeitweise lief (zum Glück nur) ein Wasserhahn. Den „digitalen Newcomer-Preis“ des Abends nahm jedoch die ARD mit, die einige Male den Livestream ihrer Nachrichten laut einspielte. Das Spektakel wurde live von einigen Fernsehsendern, darunter Puls 24, übertragen. Kanzlersprecher Daniel Kosak (49) versuchte tapfer Ordnung in die wildgewordene Journalistenmeute zu bringen, indem er gefühlte zehn Mal auf die Stummschaltfunktion hinwies, die nur eines Klicks bedarf. Man kann nur hoffen, dass das Gespräch mit Putin mehr langfristige Effekte zeigt.

 

Mit Rat und Tat Kanzlergattin Katharina Nehammer (40) zieht zurzeit die Schlagzeilen an. Ausgangspunkt für neue Aufmerksamkeit ist eine Person, die Karl Nehammer (ÖVP, 49) bei dessen Ukraine- und Russlandreisen begleitete: Der ehemalige „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann (57). Die Neos stellten daraufhin eine parlamentarische Anfrage, welchen Zweck dessen Anwesenheit hatte. Immerhin ist er nicht mehr als Journalist tätig. „Ehrenamtliche Beratung“, kam als Antwort. Diekmann gründete nach seinem Ausscheiden aus dem Axel Springer-Verlag 2017 die PR-Agentur „Storymachine“. Der Kontakt zu ihm soll bereits vor Jahren über Nehammers Ehefrau zustande gekommen sein. Sie war damals Mitarbeiterin von Innenminister Wolfgang Sobotka (ÖVP, 66). Die FAZ berichtet, dass „Storymachine“ seit dem Rücktritt von Sebastian Kurz (35) die ÖVP auch bei deren marketingtechnischer Neuerfindung berät. Kurios ist, dass Diekmanns ehemalige Arbeitskollegen bei der „Bild“ als erste über Nehammers Reisepläne zu Putin berichteten. Das Boulevardblatt erfuhr davon vor dem Koalitionspartner Grüne.

 

Schwarze Trümpfe Einst aufgelegte Wahlwerbemittel können ungewollt wieder Aktualität erlangen. Jüngstes Beispiel liefert der Wirtschaftsbund, wo Turbulenzen rund um mutmaßliche Geldflüsse zur Volkspartei von LH Markus Wallner (54, ÖVP) zu Rücktritten von Hans Peter Metzler (56, ÖVP) als Bündeobmann und Präsident der Wirtschaftskammer sowie von Jürgen Kessler (46, ÖVP) als Direktor des Wirtschaftsbundes geführt haben. Jetzt hat Altstatthalter Karlheinz Rüdisser (67, ÖVP) interimistisch das Ruder als Obmann übernommen und soll die Vorfeldorganisation der Partei wieder in ruhigere Gewässer bringen. Vor Jahren gesponserte Jasskarten mit einer Karikatur Rüdissers und dem Werbeslogan „Wirtschaftsbund ist Trumpf“ sollen jetzt an Stammtischen wieder eine gefragte Sache sein, erzählen nicht nur schwarze Funktionäre mit süffisantem Lächeln. Wer das Erbe von Jürgen Kessler antreten wird und vor allem die Frage, wo der abgetretene Direktor wieder einen Job finden und künftig seine Brötchen verdienen wird, gilt derzeit als „völlig offen“. Gerüchte, wer ihm als Direktor des Wirtschaftsbundes folgen soll, kursieren bereits. Dabei fällt auch schon der Name Mathias Burtscher (41). Burtscher ist kein Unbekannter: Er zog sich im Vorjahr nach zehn Jahren als Lobbyist und Geschäftsführer der Industriellenvereinigung im Land zurück und berät jetzt Unternehmen.

Ein Schluck Wasser und tief durchatmen: Karl Nehammer bei der virtuellen Pressekonferenz mit österreichischen Journalisten in Moskau. REUTERS/Maxim Shemetov
Ein Schluck Wasser und tief durchatmen: Karl Nehammer bei der virtuellen Pressekonferenz mit österreichischen Journalisten in Moskau. REUTERS/Maxim Shemetov

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