Warum das Montafoner Steinschaf erhaltenswert ist

Vorarlberg / 16.04.2022 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Warum das Montafoner Steinschaf erhaltenswert ist
Männliche Lämmer, so niedlich sie sind, werden nach einem halben bis ganzen Jahr geschlachtet und verzehrt. Anna Wittwer

Peter Kasper aus Galgenul wirbt damit, diese heimische Rasse zu züchten – aus verschiedenen Gründen.

St. Gallenkirch Jeder kommt mal dran, alle nach der Reihe. Frühlingszeit ist Schafschurzeit. Die Montafoner Steinschafe werden von ihrem Winterfell befreit. Am 7. April war es für die 65 Steinschafe von Martin Mathies aus Galgenul so weit.

Felix Reinprecht nahm sich dieser haarigen Angelegenheit an. Er ist deutscher Vizemeister im Schafscheren und macht dies hauptberuflich. Zweimal im Jahr kommt er hierher, einmal Ende März/Anfang April und das zweite Mal Ende September/Anfang Oktober. Er hängt sich im sogenannten Bungee, eine Rückenhilfe, ein und dann kann es auch schon losgehen: Pro Schaf braucht er nur drei bis vier Minuten, bis die Wolle ab ist. Dabei hält das Schaf ganz still, gibt keinen Mucks von sich. 1,5 Kilogramm Wolle liegen nach der Schur eines Schafes auf dem Boden und werden in einen Sack geworfen. Die Montafoner Steinschafe geben gute Mischwolle, ein Mix aus feiner Unterwolle, Grannenhaar und Stachelhaar.

Der Weg der Wolle

Alle Montafoner Züchter des Montafoner Steinschafes sammeln ihre Wolle und geben sie gebündelt zur Weiterverarbeitung ins Ötztal zur Firma Regensburger. In Vorarlberg selbst gibt es schon lange keine Firma mehr, die Schafswolle verarbeitet. „Früher war Vorarlberg in der Woll- und Textilverarbeitung stark vertreten, jetzt nicht mehr“, sagt Peter Kasper, der ebenfalls in Galgenul 20 Montafoner Steinschafe hält. Die Züchter im Montafon seien zu kleinstrukturiert, um selbst Wollprodukte herzustellen. In der Fabrik wird die Wolle gewaschen und in Form gebracht. Dann geht die Wolle weiter an heimische Vertriebspartner wie Villgrater Natur (Osttirol), Huberwolle (Steiermark) und Wollwerk Obermühle (Waldviertel, Niederösterreich), an kleine selbstständige Firmen, regionale Filzer oder wird für Schulprojekte oder in der Caritas Werkstätte weiterverarbeitet.

Schafscherer Felix Reinprecht von der Schwäbischen Alb kommt zweimal jährlich ins Montafon, um dort die Montafoner Steinschafe von Martin Mathies zu scheren. <span class="copyright">Privat</span>
Schafscherer Felix Reinprecht von der Schwäbischen Alb kommt zweimal jährlich ins Montafon, um dort die Montafoner Steinschafe von Martin Mathies zu scheren. Privat

20 Züchter gibt es mittlerweile im Montafon, die insgesamt rund 400 Schafe halten. „Die Population wächst“, freut sich Peter Kasper, „im Montafon und im ganzen Land.“ Er und Martin Mathies haben das Montafoner Steinschaf wieder populär gemacht, nachdem die Rasse fast ausgestorben war. Mittlerweile ist das Montafoner Steinschaf die stärkste Zuchtrasse in Vorarlberg, noch dazu die einzig heimische Rasse. In ganz Vorarlberg gibt es 822 weibliche und 76 männliche Zuchttiere auf 48 Zuchtbetriebe verteilt. Peter Kasper weiß genau über die Geschichte des Montafoner Steinschafs Bescheid: „Nach dem Krieg herrschte eine gute Zeit. Es gab Rind- und Schweinefleisch. Die Schafe gerieten immer mehr ins Hintertreffen und wurden schließlich vom Tiroler Mastschaf verdrängt.“ Die Wolle hatte einfach keinen hohen Stellenwert mehr, weshalb die Schafzucht nach dem Krieg zurückging. Ende der 1980er-Jahre siedelte Markus Stadelmann aus Dornbirn die ersten Steinschafe im Unterland an, indem er einzelne, rassetypische Tiere aus dem hinteren Montafon zusammengekauft hatte. Mittlerweile ist er auch Spartenbetreuer des Steinschafs und hat das Herdenbuch gegründet, in dem alle Daten jedes einzelnen Steinschafs in Vorarlberg vermerkt sind, wie zum Beispiel Abstammung und Züchtung.

Vielseitiges Schaf

Das Montafoner Steinschaf ist eine eigenständige Rasse mit großer genetischer Distanz zu anderen bekannten Schafrassen und somit erhaltenswert. 2008 wurden die ersten Montafoner Steinschafe im Montafon gezüchtet, dank Peter Kasper und Martin Mathies. Peter Kasper schwärmt von dieser besonderen Rasse: „Das Montafoner Steinschaf ist ein total vielseitiges Schaf.“ Alle Farbschläge seien bei dieser Rasse erwünscht – schwarz, weiß, braun, beige, gefleckt. Es gibt sie behornt und unbehornt. Die Montafoner Steinschafe sind generell klein und leicht, widerstandsfähig, robust, absolut trittsicher, gesund und haben gute Muttereigenschaften. „Es ist eine problemlose Aufzucht möglich“, weiß Peter Kasper.

Reinrassigkeit wichtig

Männliche Lämmer werden nach einem halben bis ganzen Jahr geschlachtet, um Inzucht zu vermeiden. Im Herdenbuch steht, welcher Widder zur Besamung geeignet ist. Da die Rasse hochgefährdet ist, wird penibel auf eine reinrassige Zucht geachtet, weshalb sogar Spermien vom Zuchtwidder eingefroren wurden, um die Population zu sichern. Gemolken werden die Montafoner Steinschafe nicht. „Die sind keine Milchschafe“, weiß Peter Kasper. Die Milch dient allein der Lämmeraufzucht. Da das Fleisch nicht das ganze Jahr über verfügbar ist, ist es gefragt, denn Regionalität stehe momentan hoch im Kurs. Das Hotel Amrei Suites in Schruns hat bereits Lammfleisch für seine Gäste zu Ostern bestellt.

Die Montafoner Steinschafe vom Biohof Mathies: Sie gibt es in allen Farbschlägen. <span class="copyright">Anna Wittwer</span>
Die Montafoner Steinschafe vom Biohof Mathies: Sie gibt es in allen Farbschlägen. Anna Wittwer

Ab auf die Alp

Im Frühling geht es für die Schafe und Lämmer aufs Maisäß Rüti und Gampading. Die Galgenuler Züchter haben entlang des neuen Steinbockweges ihre Weideflächen. Ein Teil der Jungschafe bleibt den ganzen Sommer im Tal, die restliche Herde wird Ende Mai auf die Hochplateaus getrieben. Die Hochalpen sind ihr Revier: „Je höher, umso lieber ist es ihnen“, sagt Peter Kasper. Sie sorgen dafür, dass Steilflächen, Maisäße und Hochalpen offengehalten werden.
Peter Kasper wirbt dafür, Montafoner Steinschafe selbst zu halten: „Sie sind ideal für Neueinsteiger und eine super Alternative für alle, die in die Schafzucht umsteigen wollen.“ Mit der Pflege und Fütterung hätte man keinen großen Aufwand. Er könne auch Schafe vermitteln. „Mehr Züchter sichern das Überleben der Schafe.“ VN-JUN

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