Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Nimm die Füße vom Tisch

Vorarlberg / 19.04.2022 • 19:21 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Der Enkel sieht von seinem Computer auf, er muss einen Aufsatz über das Böse in der Welt schreiben.

„Sag, Großmutter, kann ich das schreiben: … hinwegnimmt die Sünden der Welt?“

„Du kannst es zitieren.“

„Stimmt es, Großmutter“, fragt der Enkel, „dass die Hölle leer ist, weil der Sohn Gottes hinweggenommen hat die Sünden der Welt?“

„Lass mich nachdenken“, sagt die Großmutter.

„Stimmt es, dass ein böser Mensch die Welt vernichten kann und dafür nach dem Tod nicht bestraft wird?“

„Nimm die Füße vom Tisch!“, sagt die Großmutter.

„Aber Großmutter, warum wurde IHM von seinem Vater dieses furchtbare Leid auferlegt? IHM muss ich großschreiben. Das gehört sich so. Weil er der Sohn Gottes ist. Und dann noch eine Frage: Wie legt man ein Leid auf? Das weiß ich auch nicht. Und gar nicht weiß ich, was auferlegen heißen soll. Wäre nicht auflegen genügen? Wenn ich einem eine auflege, dann weiß ich, was das heißt. Ich denke aber, dass etwas anderes gemeint ist. Wäre es nicht gerecht, dass der böse Mensch, der gerade dabei ist, einem Land eine aufzulegen, dass der bestraft wird? Und wenn einer kommt und eben diesem bösen Menschen so eine auflegt, dass er tot ist, dass der dann auf jeden Fall in den Himmel kommt? Das habe ich mit Daniel besprochen.“

„Wer ist Daniel?“

„Ein Freund von mir. Eigentlich nur ein Schulwegfreund. Ist es so?“

„Was sagt Daniel?“

„Er sagt, es ist so.“

„Weil es sein Vater und seine Mutter sagen?“

„Das weiß ich nicht. Sag du es mir, Großmutter!“

„Lass mich nachdenken“, sagt die Großmutter. „Ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht die einzige, die es nicht weiß. Es gibt Dinge, die weiß niemand. Wer sagt, er weiß, der lügt.“

„Aber Großmutter, dann muss ja das Schlechte siegen, wenn die Menschen keine Angst mehr vor der Hölle haben.“

„Wenn man nur gut ist, weil man Angst hat, verurteilt zu werden, kann das richtig sein?“, fragt die Großmutter und spricht weiter. „Angenommen, dieser böse Mensch, glaubt, dass er richtig handelt. Er tut, was er tut, um sein Land groß und glücklich zu machen. Dafür ist ihm kein Opfer zu viel. Ist er dann gut oder böse? Die einen sagen so, er sagt so.“

„Ich finde“, antwortet der Enkel, „dem sollte Gleiches geschehen wie den Menschen, die er quält. Das wäre gerecht. Dann wüsste er, ob es gut ist oder böse. Wenn es weh tut, ist es böse, das ist doch ganz leicht. Glaubst du an die Gerechtigkeit, Großmutter. Ich habe gelesen, dass eine Belohnung ausgesetzt wurde, für den, der den bösen Mann tötet.“

„Die Frage ist doch, ob irgendein Mensch über den Tod entscheiden kann“, sagt die Großmutter. „Gleich, ob so einer oder so einer sterben soll.“

„Aber du musst doch zugeben, Großmutter, dass in unserem Fall die beste Lösung wäre, wenn jemand den bösen Mann umbringt.“

Die Großmutter ist aufgestanden und hat sich neben ihren Enkel gesetzt. Sie will lesen, was geschrieben steht. Nämlich nichts. Der Enkel hat noch nichts geschrieben.

„Ich ruf Daniel an und frage ihn, was er geschrieben hat“, sagt der Enkel. „Ich glaube, er hat eh viel zu viel geschrieben, dann kann er mir die Hälfte abgeben. Das tut er sicher.“

„Wenn man nur gut ist, weil man Angst hat, verurteilt zu werden, kann das richtig sein?“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.