Napoleon, Sissi und Co. grasen jetzt in Lochau

Vorarlberg / 29.04.2022 • 18:42 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Ziegenfamilie, die vor dem Schlachter gerettet wurde.
Eine Ziegenfamilie, die vor dem Schlachter gerettet wurde.

Für Tierhilfe-Obmann Rudi Längle ist der neue Hof aber nur eine Übergangslösung.

Lochau Rudi Längles Gesicht ist schmerzverzerrt. Mit schweren Schritten nähert er sich seinem Liebling, dem sechs Jahre alten Esel Napoleon, und füttert ihn mit einer Karotte. „Ich bräuchte dringend eine Operation am Knie. Aber wer soll sich in meiner Abwesenheit um die Tiere kümmern? Sie brauchen mich.“

Der Obmann des Vereins Tierhilfe Vorarlberg hat turbulente Zeiten hinter sich. „Es war wild“, sagt er, wenn er die letzten Monate Revue passieren lässt. Im vergangenen Herbst musste Rudi Längle seinen Gnadenhof Gut Bozenau in Doren räumen. Vorausgegangen war ein jahrelanger Rechtsstreit mit der Eigentümerfamilie. „Wir hatten nur eineinhalb Monate Zeit, ein neues Zuhause für rund 100 Tiere zu finden. Es war ein Skandal, ich bin von der Justiz sehr enttäuscht. Für uns war es nicht einmal denkbar, dass wir den Prozess verlieren“, ist Längle noch immer enttäuscht. Rund 100 Tiere, vom Esel bis zur Katze, hatte er in Doren betreut, bevor die Räumungsklage ins Haus flatterte. „Wir sind Tag und Nacht gefahren, um die Tiere vom Hof wegzubringen, es war purer Stress.“

Standortsuche läuft weiter

Inzwischen hat Längle einen Stall in Lochau mit angrenzenden Weiden als neuen Sitz des Vereins angemeldet. Bereitgestellt habe ihn eine Tierfreundin, die im Hintergrund bleiben und ihren Namen daher nicht in der Zeitung lesen möchte. „In Vorarlberg ist es fast unmöglich, Platz für so viele Tiere zu finden. Wir haben uns daher sehr gefreut, dass sie uns den leer stehenden Stall zur Verfügung gestellt hat. Sie hat unsere Not gesehen und uns Unterstützung angeboten“, zeigt sich Längle dankbar. Rund 20 Tiere, darunter Esel, Ponys und Ziegen betreut er dort gemeinsam mit seinem fest angestellten Helfer Khizar. „Für die restlichen Tiere konnten wir tolle private Plätze finden. Ein weiterer Teil wurde in Ställen untergebracht, für die wir natürlich weiterhin bezahlen“, führt er aus. Die Tiere, die Rudi Längle aufgenommen hat, stammen etwa aus Hofauflösungen oder Scheidungen, einige wurden aber auch vor der Schlachtung gerettet. „Wie zum Beispiel unsere Ziegenmama Sissi und ihre drei Jungtiere, die bei uns ein Zuhause auf Lebenszeit bekommen haben.“

Obwohl der Hof in Doren inzwischen leer ist, nimmt Längle noch täglich die Fahrt in den Bregenzwald auf sich, um zwei Streunerkatzen und vier Tauben zu versorgen. „Diese konnten wir leider nicht einfangen, aber jemand muss sich ja um die Tiere kümmern.“ Den Stall in Lochau, der von Längle und seinen Helfern zuvor an die Bedürfnisse der Tiere angepasst worden sei, bezeichnet er aber als Übergangslösung. Ziel sei es, bis spätestens Herbst einen neuen Hof zu finden, um die älteren Tiere, die schon viele Jahre gemeinsam auf Gut Bozenau gelebt hatten, wieder zusammenzuführen. „Wir wollen uns aber auf jeden Fall verkleinern.“ Die Suche nach einem geeigneten Standort in Vorarlberg gestalte sich jedoch schwierig.

Noch eine Rechnung offen

Aufgeben war für den Tierhilfe-Obmann aber noch nie eine Option, kämpfen ist er gewohnt: „Ich mache das seit über 25 Jahren. Wenn man etwas aus Überzeugung tut, muss man auch schwierige Zeiten in Kauf nehmen.“ Turbulent könnte es für den Hofbetreiber schon bald wieder werden. Mit dem Eigentümer in Doren sei schließlich noch eine Rechnung offen: „Wir fordern unsere Investitionen zurück, die wir damals in den Um- und Ausbau gesteckt haben. Das sind wir den Tieren, dem Verein und  unseren Spendern schuldig.“ VN-TAS

Rudi Längle betreut auf dem Gelände rund 20 Tiere. VN/Hartinger
Rudi Längle betreut auf dem Gelände rund 20 Tiere. VN/Hartinger