Taufe einmal anders

Vorarlberg / 29.04.2022 • 17:29 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der hl. Gerold auf dem Esel, mit abgelegter Krone, geschaffen von P. Jean-Sébastien Charrière. M. Werlen
Der hl. Gerold auf dem Esel, mit abgelegter Krone, geschaffen von P. Jean-Sébastien Charrière. M. Werlen

Letzte Woche durfte ich ein dreijähriges Mädchen taufen. Charlotte ist außergewöhnlich aufgeweckt. Zusammen mit ihrer Familie hat sie sich intensiv auf die Taufe vorbereitet. So war sie auch im Gottesdienst vorbildlich mit allen Sinnen dabei. Einen so lebendigen Gottesdienst habe ich noch selten erlebt.

Königin oder König sein

Zur Salbung mit Chrisam erklärte ich ihr: «Du wirst jetzt mit Chrisam gesalbt, wie die Königinnen und Könige.» Weiter kam ich mit meinen frommen Ausführungen nicht. Das war offensichtlich zu viel des Guten. Ohne lange zu überlegen, sagte Charlotte vor der versammelten Festgemeinschaft in aller Klarheit: «Ich will gar nicht Königin werden. Ich werde Polizistin.» Und sie rannte in der Propsteikirche davon. Da brauchte es noch einiges an Erklärungen, bis ich sie mit Chrisam salben konnte – mit der Zusicherung, dass sie deswegen trotzdem Polizistin werden könne.

Sturz der Mächtigen

Auf die Salbung mit Chrisam war Charlotte nicht vorbereitet. Aber über ihr Leben hat sie sich bereits viele Gedanken gemacht. Für sie ist klar, was sie werden will. Gewiss nicht Königin. Das ist ja zum Davonlaufen. Mir fiel ein, was Maria bei der Begegnung mit ihrer Verwandten Elisabeth gemäss dem Evangelisten Lukas gesprochen hat (Lk 1,46-55). Dort heißt es unter anderem: «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.» Das junge, selbstbewusste Mädchen in unserer Propsteikirche wollte nicht gesalbt werden. Das ist etwas für Leute, die Könige oder Königinnen werden wollen, aber nicht für Menschen, die Dienste in der Gesellschaft wahrnehmen, die in den Augen vieler als wertlos und verächtlich betrachtet werden, wie zum Beispiel die Arbeit der Polizistinnen und Polizisten.

Unser Beispiel

Charlotte erteilte uns allen mit dem Protest bei ihrer Taufe eine eindrückliche Lektion. Sie redete nicht nur davon, sondern hielt sich in sicherem Abstand zu uns, die wir oft in Kategorien von Königinnen und Königen denken. Nein, wir müssen nicht Könige oder Königinnen sein. Genau das hält uns Jesus vor Augen: Unser Großsein zeigt sich in der Bereitschaft zum Dienen. Das lebt er uns selbst vor. Er wäscht uns die Füße und stellt klar: «Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe» (Joh 13,15).

Ein politischer Flüchtling

Charlotte hat dieses Glaubenszeugnis ohne ihr Wissen an einem Ort gegeben, der genau aus diesem Zeichen lebt. Im 10. Jahrhundert ist ein Adeliger namens Adam als politischer Flüchtling auf dem Esel ins Große Walsertal gekommen und hat sich hier niedergelassen. Die Krone hat er bewusst abgelegt, sich den Namen Gerold gegeben und sich ganz in den Dienst Gottes, der Menschen und der Schöpfung gestellt. Er wollte nicht König sein, sondern Diener aller. Diese Haltung ist auch heute nicht sehr populär. Aber sie ist lebensnotwendig: In der Kirche, in der Politik, am Arbeitsplatz, in der Familie. Sonst kommt es früher oder später nicht gut heraus. Charlotte hat uns das in St. Gerold unüberhörbar ans Herz gelegt und jetzt von hier aus über die Vorarlberger Nachrichten vielen Leserinnen und Lesern. Nehmen wir es uns zu Herzen! Es tut allen gut.

P. Martin Werlen, Propst der Propstei St. Gerold.
P. Martin Werlen, Propst der Propstei St. Gerold.