Wenn die Teuerung für Bauern existenzbedrohend wird

Vorarlberg / 30.04.2022 • 04:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wenn die Teuerung für Bauern existenzbedrohend wird
Ramona Hagspiel liegen Tierwohl und Umwelt sehr am Herzen. Lerch

Steigende Produktionskosten und stagnierender Milchpreis: Familie Hagspiel aus Hittisau sorgt sich um ihre Zukunft.

Hittisau Die Energiekosten steigen. Die Preise für Milchprodukte steigen. Und auch der Druck auf die heimischen Bauern steigt. Denn nur weil Butter und Käse teurer werden, heißt das nicht, dass auch die Produzenten mehr verdienen. Dies zeigt das Beispiel der Familie Hagspiel aus Hittisau.

„Wenn das so weitergeht, können wir uns bald keinen Treibstoff mehr leisten, keine Versicherung zahlen und keine Bestandteile für die Maschinen mehr kaufen“, sagt Peter Hagspiel. Der 69-Jährige sorgt sich im Hinblick auf die steigenden Produktionskosten und den im Vergleich seit Jahren stagnierenden Milchpreis um das Lebenswerk seiner Familie und die Zukunft der heimischen Bauern. „Wir sind auch Direktvermarkter und Vermieter“, erklärt die 32-jährige Ramona. Über vier Jahrzehnte hat die Familie Hagspiel laufend investiert, um die Auflagen zu erfüllen und den kleinbäuerlichen Betrieb auf solide Standbeine gestellt. Tochter Ramona hat die Landwirtschaftsschule absolviert und kümmert sich um alles rund um Stall, Vermietung und Gäste sowie die Produkte. Mama Maria fährt dreimal pro Woche ins Rheintal zum Bauernmarkt, um die Waren zu verkaufen.

Gerechte Entlohnung gefordert

Während andere im Sommer am Strand urlauben, steht für die Familie Hagspiel harte Arbeit auf dem Programm. „Wir müssen viel Gras in Hanglage mähen. Das geht nur mit der Sense oder dem Motormäher“, erklärt Peter Hagspiel. „Die Natur, das Klima und das Tierwohl sind uns sehr wichtig“, ergänzt Ramona. Vom Milchgeld bleibe da aber nichts mehr übrig. „Ich würde mir eine gerechte Entlohnung und eine strukturierte Landwirtschaft wünschen.“

Maria, Ramona und Peter Hagspiel sorgen sich um die Zukunft der Landwirtschaft.
Maria, Ramona und Peter Hagspiel sorgen sich um die Zukunft der Landwirtschaft.

Auch Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger treibt die aktuelle Entwicklung Sorgenfalten auf die Stirn. „Grundsätzlich haben wir in Vorarlberg aufgrund der Gründlandbewirtschaftung und der vorherrschenden Tierhaltung ein stabiles System. Aber andererseits stehen die Landwirte aufgrund der ständigen Steigerung der Produktion von günstigen Lebensmitteln in Europa unter enormem Druck.“ Zudem würden die Verkaufspreise für landwirtschaftliche Produkte zwar zulegen, in der Wertschöpfungskette sei der Anteil der Landwirte aber über die Jahre stetig gesunken. Nur rund 20 Prozent gehen an die Bauern. „Irgendwann geht sich das alles nicht mehr aus“, sagt Moosbrugger auch im Hinblick auf Themen wie Mehrproduktion und höhere Anforderungen bei der Bewirtschaftung der Flächen.

Umdenken beim Einkauf

Für den Landwirtschaftskammerpräsident ist klar: „Es muss ein Umdenken geben, was Lebensmittel wert sind. Es liegt am Verbraucher, bewusst einzukaufen. Lieber weniger Fleisch und Wurstwaren kaufen, dafür zwar etwas mehr zahlen, aber es kommt aus der Region.“ Eine klare Kennzeichnung sei daher unbedingt notwendig.

Es muss ein Umdenken geben, was Lebensmittel wert sind und es liegt am Verbraucher, bewusst einzukaufen.

Josef Moosbrugger, Landwirtschaftskammerpräsident

Sorgen bereiten derzeit auch die massiv steigenden Treibstoffkosten. Wegen mangelnder Alternativen zu den Traktoren hätten die Betriebe auch mit diesen Mehrkosten zu kämpfen. Denn der agrarische Diesel sei in Österreich um rund 23 Cent steuerlich höher belastet als im europäischen Schnitt.

Verhandlungen für ein Entlastungspaket für die Landwirtschaft würden bereits laufen, berichtet Moosbrugger. Für Landwirt Peter Hagspiel ist klar, dass gehandelt werden muss. „Es wird schon seit Jahren davon geredet, dass die Situation der landwirtschaftlichen Betriebe verbessert werden soll. Jetzt müssen die Verantwortlichen aber ins Tun kommen.“

Aus der Statistik

Je Betrieb liegt das Einkommen aus der Land- und Forstwirtschaft in Vorarlberg im Durchschnitt bei 22.574 Euro (abzüglich Sozialversicherungsbeiträge), je betriebliche Arbeitskraft bei 14.851 Euro. Durch außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten werden im Durchschnitt noch 7100 je Arbeitskraft dazuverdient (Quelle: Grüner Bericht 2020).

Im Jahr 2005 hielt die Landwirtschaft an der Wertschöpfungskette noch einen Anteil von 20,2 %, im Jahr 2019 nur mehr 17,5 %, Ursachen sind Importe (von Billigprodukten) und der scharfe internationale Wettbewerb. (Quelle: LK)

Im Jahr 2018 lag der Milchpreis in Österreich im Schnitt bei 37 Cent pro Kilo, 2021 bei rund 39 Cent. (Quelle: Statistik Austria)