„Für mich ist das meine Familie“

Vorarlberg / 01.05.2022 • 18:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Carmen kam schon sehr früh in eine Pflegefamilie. Die positiven Erfahrungen, die sie dort machte, haben auch ihr Leben geprägt.<span class="copyright">voki</span>
Carmen kam schon sehr früh in eine Pflegefamilie. Die positiven Erfahrungen, die sie dort machte, haben auch ihr Leben geprägt.voki

Pflegefamilien gesucht. Carmen erzählt von ihren Erfahrungen als Pflegekind.

Bregenz Carmen war fünfeinhalb, als sie in eine Pflegefamilie kam. Ihre Betreuerin vom Pflegekinderdienst hat die Lebensgeschichte der heute 22-Jährigen damals für sie aufgeschrieben. Daraus haben die Pflegeeltern ihrer Pflegetochter immer wieder vorgelesen. „Ich bin sehr froh, dass ich über die Gründe, warum ich in einer Pflegefamilie aufwuchs, nicht erst mit 14 oder so erfahren habe. Auf diese Weise konnte ich mich immer etwas mit meiner Geschichte und Vergangenheit auseinandersetzen“, sagt die junge Frau heute. Carmen lebt noch immer bei ihrer Pflegemama. Sie hat die Handelsschule abgeschlossen und arbeitet als Bürokauffrau. Mit dem Auszug will sich die junge Frau noch etwas Zeit lassen. „Für mich ist das meine Familie.“

Liebe und Zuneigung

Ihre leiblichen Eltern hat Carmen seit rund acht Jahren nicht mehr gesehen, „da es mich irgendwann persönlich erdrückt hat, und ich sehr unglücklich war“, erzählt sie offen. Vorher gab es einen regelmäßigen Kontakt. „Das war schön, aber auch bei jedem Abschied wieder traurig.“ Ganz am Anfang habe sie sich gewünscht, bei den eigenen Eltern aufwachsen zu können. „Das hat sich jedoch schnell gelegt, als ich erlebte, was ich in der neuen Familie an Liebe und Zuneigung bekomme und wie alle immer mehr zu meiner Familie wurden.“

Bei ihren Pflegeeltern, ihr Pflegevater ist mittlerweile verstorben, fühlte sich Carmen voll angenommen. Heute macht es sie stolz, wenn die Mama sagt: „Das ist meine älteste Tochter.“ Carmen weiß aber auch, was es heißt, nicht akzeptiert zu werden. Es gab Leute, die sie spüren ließen, dass sie nicht wirklich dazugehört. Das habe sie oft verletzt. Doch sie konnte auf ihre Pflegefamilie zählen. Carmen nahm dann sogar den Namen ihrer Pflegeeltern an. Das war etwas ganz Besonderes für Jugendliche: „Du kommst zu wildfremden Menschen und entwickelst im Laufe der Zeit solche Gefühle, dass sie dein Zuhause sind, deine Eltern und besten Freunde. Für mich ist das bis heute ein bisschen wie ein Wunder.“

In das Kind hineinversetzen

Deshalb könnte sich Carmen gut vorstellen, selbst einmal ein Pflegekind aufzunehmen. „Ich sehe gerade bei einem kleinen Pflegebruder wie das ist. Ich hoffe, dass ich dann die gleiche Stärke und Liebe habe wie meine Eltern, aber ich zweifle nicht daran, weil sie mir ein großes Vorbild waren und weiterhin sind“, sagt Carmen. Paaren, die ein Pflegekind aufnehmen möchten, empfiehlt sie, sich so gut es geht in das Kind hineinzuversetzen.

An ihren Pflegeeltern hat sie vor allem geschätzt, dass sie nie schlecht über ihre leiblichen Eltern geredet, sie aber auch nicht verteidigt haben. So konnte sich das Mädchen seine eigene Meinung bilden, und das war ihm wichtig. Ansonsten: „Den Kindern einfach gut zuhören, sich Zeit nehmen und vor allem Vertrauen aufbauen.“ Carmen weiß, wovon sie redet. VN-MM

Der Vorarlberger Pflegekinderdienst sucht wieder Pflegeeltern. Infos: Isabella Böckle, Tel. 05522/82253-19, pflegekinderdienst@voki.at