Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Denn sie wissen genau, was sie tun

Vorarlberg / 02.05.2022 • 21:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Wogegen demonstrieren sie denn jetzt schon wieder, um Himmels Willen? Vergangenen Sonntag waren in Wien neben den traditionellen 1. Mai-Aufmärschen gleich drei Versammlungen von Corona-Maßnahmen-Kritikerinnen und Impfgegnern angekündigt, und den Demonstrations-Autokorso unter dem eingängigen Titel „Ungeimpft Österreich“ möchte ich an dieser Stelle auch nicht unterschlagen. Also viel Engagement im Dagegen-Sein, auch wenn sich nicht erschließt, warum man noch immer so engagiert gegen Corona-Maßnahmen (aufgehoben) oder Impfpflicht (ausgesetzt) kämpfen müsste. Außer man kämpft gegen „das System“, da bleibt man schön diffus, da geht einem der Stoff nie aus.

Nur logisch, dass man bei den einschlägigen Demos nun laut den Berichterstattenden auch beherzt Russland-Fahnen schwingt oder sich gegen die NATO (sinister!) ausspricht. Denn wenn das Interesse an den Anti-Corona-Demonstrationen dank derzeit entspannterer Infektionslage abnimmt, muss eben ein neues Thema her, das die Unzufriedenen vereint und ihnen im Idealfall auch die eine oder andere Spende wert ist. Auch die Experten und Expertinnen der Beratungsstelle Extremismus, die sich in einer Fallanalyse mit Covid-19-Verschwörungserzählungen beschäftigt haben, stellten zuletzt in „Wien heute“ fest, dass Demo-Organisatoren versuchen würden, ihre Community aktiv zu erhalten – mit dem Ukraine-Krieg als neues Thema.

Gegen den Staat

Ob das bei diesen Zielgruppen genauso gut gelingen wird wie mit dem holzschnittartig einfachen Feindbild des jeweiligen Gesundheitsministers (Er sperrt euch ein! Er nimmt euch eure Rechte!), ist fraglich. Dennoch, manche Köpfe hinter den Demos haben ein Ziel, das man nicht ausblenden sollte: Sie haben ein Interesse daran, das demokratische Gefüge zu erschüttern und den Staat in seiner bisherigen Form zu destabilisieren. Es kommt ihnen wohl gelegen, dass bei den Protesten diverse Gruppierungen zusammenkommen – von amtsbekannten Rechtsextremen bis hin zu esoterisch Angehauchten: Alles doch nur besorgte Bürgerinnen und Bürger, das soll die Botschaft sein. Die Organisatoren der Demos wissen genau, was sie tun. Auch wenn einzelne Wirrköpfe einen anderen Eindruck erwecken mögen.

Den Ukraine-Krieg und seine weltpolitische Dimension zu benutzen, um Stimmung gegen das „System“ zu machen, ist zynisch. Gerade jetzt können sich Menschen in einem wohltemperierten Land wie Österreich glücklich schätzen, hier zu leben. In einem Staat mit einer Demokratie, die sicher mehr Transparenz und Selbstreflexion vertragen würde, die an sich arbeiten sollte – aber dennoch ein Leben in Frieden ermöglicht, das für die Menschen in der Ukraine in weite Ferne gerückt ist.

„Den Ukraine-Krieg und seine weltpolitische Dimension zu benutzen, um Stimmung gegen das ,System‘ zu machen, ist zynisch.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit Vorarlberger Wurzeln, lebt in Wien und arbeitet für den ORF-Report.